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Aus: Ausgabe vom 16.09.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Volksmarinedivision

Demokratische Miliz

Klaus Gietinger über die »roten Matrosen« von 1918
Von Leo Schwarz
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Nie vergessen: 100 Jahre nach der Tat wurde vor dem Haus Französische Straße 32 in Berlin-Mitte an die Ermordung von 30 Angehörigen der Volksmarinedivision im März 1919 erinnert (11.3.2019)

Eine wesentliche treibende Kraft in den ersten Wochen der Revolution von 1918/19 in Deutschland waren die Matrosen der Hochseeflotte, die Ende Oktober/Anfang November 1918 die Aufstandsbewegung eingeleitet hatten. Entlang der deutschen Küste von Emden bis Königsberg – und darüber hinaus in vielen Städten Norddeutschlands – blieben die »roten Matrosen« bis ins Frühjahr 1919 ein politischer Faktor. Der einzige Ma­trosenverband, der auch heute noch ein bisschen bekannt ist, war die Volksmarinedivision (VMD) in Berlin, die sich zunächst als Sicherheitstruppe konstituiert und der »revolutionären« Regierung zur Verfügung gestellte hatte.

Klaus Gietinger nennt die VMD in seiner im Unrast-Verlag erschienenen Studie die »einzig wirklich demokratische Truppe in der Geschichte Deutschlands«. Er betont, dass in der Bundesrepublik nie zu ihr geforscht wurde – in der DDR dagegen schon. Gietinger nennt die dort 1957 und 1988 erschienenen Arbeiten »bestens recherchiert und hilfreich«. Das sind sehr seltene Töne in der neueren deutschsprachigen Literatur über die Revolution von 1918/19, in der – wie die anlässlich des 100. Jahrestages erschienenen Überblicksdarstellungen einmal mehr gezeigt haben – die überwiegend auf der Grundlage umfassender archivalischer Forschungen entstandenen Arbeiten von DDR-Historikern über weite Strecken stillschweigend verwendet werden, während munter auf die »von der SED gesteuerte« Geschichtsschreibung eingeprügelt wird.

Gietinger hat allerdings nicht nur die bereits vorliegende Sekundärliteratur ausgewertet, sondern ist selbst in den Archiven gewesen – auch in Cuxhaven. Etwa 600 Matrosen, die in den ersten Tagen der Revolution aus der Stadt an der Nordsee geschlossen nach Berlin fuhren, stellten den Kern der schließlich etwa 1.400 Mann starken VMD. Gietinger schildert die Gründung der VMD am 10./11. November 1918, die nicht von »Spartakisten«, sondern von »SPD-Revolutionären an der Basis« betrieben wurde: »Sie stellten sich Ebert zur Verfügung, weil sie glaubten, er sei der rechte Mann für eine sozialistische Erneuerung«.

Nach der Ermordung des ersten Kommandanten Paul Wieczorek stand bald ein Vertrauensmann der rechten SPD-Führung, Hermann Graf Wolff-Metternich, an der Spitze der VMD. Nachdem der versucht hatte, die Truppe für konterrevolutionäre Zwecke zu verwenden, wurde er abgesetzt; die Truppe radikalisierte sich und geriet binnen weniger Wochen in eine offene Auseinandersetzung mit der Regierung der »Volksbeauftragten«. Gietinger untersucht die Rolle der VMD während des Reichsrätekongresses, in den sogenannten Weihnachtskämpfen und während des Januaraufstandes, schildert ihre Eingliederung in die Republikanische Soldatenwehr und ihre Zerschlagung während der Kämpfe im März 1919, als sie auf die Seite der streikenden Arbeiter überging. Die gründliche Arbeit über die »demokratische Miliz«, die die »Basis einer demokratischen Volkswehr hätte sein können«, ist unbedingt lesenswert.

Klaus Gietinger: Blaue Jungs mit roten Fahnen. Die Volksmarinedivision 1918/19. Unrast, Münster 2019, 304 Seiten, 18 Euro

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