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Aus: Ausgabe vom 16.09.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Ende der DDR

Offen wie ein Scheunentor

Der Klassenfeind war keine Einbildung: Heinz Engelhardt über die letzten Monate des Ministeriums für Staatssicherheit
Von Gerhard Feldbauer
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Nach dem »Sturm«: Ein verwüsteter Lagerraum in der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg (15.1.1990)

Für die Demontage der DDR und die Einleitung ihres Anschlusses an die BRD spielte der Umgang mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Ende 1989 und Anfang 1990 eine zentrale Rolle. Den Auftrag, das im November 1989 in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) umbenannte Ministerium geordnet aufzulösen, erteilte Ministerpräsident Hans Modrow an Generalmajor Heinz Engelhardt, Leiter der Abteilung XX, die nach heute gängiger Terminologie »Verfassungs- und Staatsschutzaufgaben« wahrnahm. Über diese Monate hat sich der »letzte Mann« im Gespräch mit dem Journalisten Peter Böhm nun ausführlich geäußert. Damit legt erstmals ein Insider in sachlicher Weise seine Sicht auf die letzten Monate der Arbeit des MfS dar. In dem Buch steckt aber mehr. Engelhardt setzt sich mit den Angriffen während der 1989/90 systematisch geschürten »Stasi-Hysterie« auseinander, räumt überzogenes Sicherheitsdenken ein, thematisiert Karrierismus, Arroganz, Überheblichkeit, zeigt aber auch, dass viele politische Ge- und Verbote in der DDR einer auch in der BRD üblichen Praxis entsprachen.

Die DDR, so Engelhardt, wurde »bedroht von wirtschaftlicher Sabotage, von Boykottmaßnahmen, durch gezielte Abwerbung von Fachpersonal, von Wissenschaftlern und Medizinern, durch systematische Schwächung ihrer ideologischen Grundlagen«. Der Klassenfeind war »keine Einbildung, keine Erfindung der Propaganda, er existierte real«. Andererseits waren die Maßnahmen gegen diesen Gegner »oft überzogen und unangemessen«, denn die DDR, sagt Engelhardt, wäre nicht »an den Protesten der Umweltschützer zugrunde gegangen«. Und es hätte die Friedensbewegung nicht geschwächt, »wenn man die Kirchenleute überall demonstrativ Schwerter zu Pflugscharen hätte schmieden lassen«.

Engelhardt, der von 1962 bis 1990 im MfS diente, wo er als Soldat im Wachregiment »Feliks Dzierzynski« begann und mit 43 Jahren jüngster General des Ministeriums wurde, schildert einleitend seine Arbeit als Leiter einer Kreisdienststelle des MfS, deren Mitarbeiter, wie er betont, »Teil des Volkes waren«. Von den Inoffiziellen Mitarbeitern habe der größte Teil »aus politischer Überzeugung« gehandelt, denn »die DDR war kein Land von Neinsagern und Widerstandskämpfern«. Die kolportierte Zahl von sechs Millionen personenbezogenen Akten des MfS über DDR-Bürger nennt er »völlig übertrieben«; abgesehen davon, dass es in diesen Akten oft nicht einfach um »Oppositionelle«, sondern um Nazis, Kriegsverbrecher, Saboteure und feindliche Agenten gegangen sei. Von zuletzt 85.000 Mitarbeitern des MfS hätten nur 21.000 »Aufgaben im Sinne einer nachrichtendienstlichen Tätigkeit« ausgeübt. Obwohl die BRD-Justiz nach 1990 »gegen 100.000 Personen ermittelte«, konnten nur 1.286 Hauptverfahren eröffnet und in 750 Fällen oftmals fragwürdige Urteile gefällt werden.

Engelhardt weist auf einen bislang fast unbeachteten Umstand der letzten Monate der DDR hin: Da unter Modrow die Grenze nach Westberlin nicht mehr kontrolliert wurde, war die DDR »offen wie ein Scheunentor, und westliche Dienste, vor allem die der BRD und der USA, schalteten und walteten nach Belieben«. Unter diesen Bedingungen habe der Ministerpräsident den »Bürgerrechtlern«, also der überwiegend antikommunistischen Opposition, bei der Auflösung des MfS obendrein ein entscheidendes Mitspracherecht eingeräumt, während er keinerlei Zusammenarbeit »mit ihm und seinen Leuten« gesucht habe. Gegen den für den 15. Januar 1990 angekündigten »Sturm« auf den MfS-Komplex in Berlin–Lichtenberg habe Modrow keinerlei Maßnahmen ergriffen, obwohl das dazu führte, dass das MfS zum ersten Mal »von einem gegnerischen Dienst inspiziert wurde«, der sich »ganz gezielt« zur Hauptabteilung II, der Spionageabwehr, begab. Mit seiner Enttäuschung hält Engelhardt nicht hinter dem Berg: Um die Partei zu retten, hätten Krenz, Modrow und andere das MfS »den Medien zum Fraß vorgeworfen«. Und unter Gregor Gysi, der seit Dezember 1989 an der Spitze der SED-PDS stand, wollte die Partei von den MfS-Mitarbeitern »nichts mehr wissen«.

Der Autor geht auch auf den konjunkturell bedingten Verrat in den eigenen Reihen ein, den viele Quellen der Hauptverwaltung Aufklärung »teuer bezahlen« mussten. Das sei so weit gegangen, dass »der eine oder andere General der Abwehr« gedacht habe, er könne nach einem Seitenwechsel »beim Verfassungsschutz reüssieren«. Diese Denkweise sei nicht auf das MfS beschränkt gewesen. Auch bei der NVA, der Volkspolizei und der Zollverwaltung hätten sich einige führende Leute »schon in der Uniform eines neuen Dienstherren« gesehen.

Dennoch sei es umsichtigen Genossen gelungen, »die Akten der wichtigsten Informanten zu vernichten, so dass sie später eine zweite Karriere starten konnten«, darunter »der eine oder andere in der Landes- oder Bundespolitik«. Gefahren für diese Menschen wegen der beim »Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes« (BStU) eingelagerten Papierschnipsel sieht Engelhardt nicht: »Das, was wichtig war, ist durch den Schredder gegangen oder verbrannt worden«. Das wolle bei der BStU-Behörde niemand wahrhaben, denn hier gehe es um das »Fortbestehen gutdotierter Arbeitsplätze«. Das aufschlussreiche Buch endet mit dem Hinweis, dass das MfS die DDR nicht habe retten können, ihren Untergang aber auch nicht verschuldet habe. Soll heißen: Wer hier nach Antworten sucht, wird anderswo suchen müssen.

Heinz Engelhardt mit Peter Böhm: Der letzte Mann. Countdown fürs MfS. Edition Ost, Berlin 2019, 288 Seiten, 16,99 Euro

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