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Muss auch nicht

Für das Jüdische Museum Berlin wird ein Direktor gesucht, die Ausschreibung endete vor zwei Wochen. Im Juni war der versierte Judaist Peter Schäfer überstürzt zurückgetreten, kurz nach der Beurlaubung der langjährigen Pressesprecherin. Die hatte mit einem Tweet des Museums auf 240 Wissenschaftler hingewiesen, die sich gegen eine Bewertung der BDS-Bewegung als »antisemitisch« wandten. Anlass war ein entsprechender Bundestagsbeschluss gewesen. Das Museum »scheint gänzlich außer Kontrolle«, hatte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, gepoltert und gefragt, »ob die Bezeichnung ›jüdisch‹ noch angemessen ist«. Die Jerusalem Post nannte das Haus »ein antijüdisches Museum«.

Da die Suche nach dem neuen Direktor in die entscheidende Phase geht, lud Welt am Sonntag Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Gespräch über die politische Ausrichtung des Museums.

»Sollte der israelische Staat im Beirat vertreten sein?«

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Grütters: »Nein. Im Jüdischen Museum Berlin geht es um die Geschichte des Judentums in Deutschland, nicht um die des Staates Israel.«

Welt am Sonntag: »Aus welchem Grund sitzt aber der russische Staat im Kapitulationsmuseum in Berlin-Karlshorst?«

Grütters: »Weil der Krieg und die Kapitulation ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte sind.«

Die Ministerin lobte in dem Interview noch einmal den geschassten Schäfer, dessen »wissenschaftlicher Anspruch bei der Arbeit an der neuen Dauerausstellung gutgetan« habe. Zur Existenz des Staates Israel als einer deutschen »Staatsräson« bekannte sie sich bei dem Gespräch in ihrem Büro im Kanzleramt. Und auch vom Antisemitismusbeauftragten Felix Klein geforderte Gesetzesverschärfungen unterstützte sie bei dem Springer-Pressetermin ausdrücklich. Einer Neuausrichtung des Museums mit seinen 160 Beschäftigten und seinem 19-Millionen-Euro-Etat aber erteilte sie recht entspannt eine Absage: »Man kann es nicht jedem recht machen. Aber diesen Ehrgeiz sollte und muss ein Museum auch nicht haben.«(??)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.09.2019, Seite 10, Feuilleton

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