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Aus: Ausgabe vom 16.09.2019, Seite 1 / Titel
Krieg im Jemen

Harter Schlag für Riad

Erdölförderung in Saudi-Arabien stockt nach Drohnenangriff aus Jemen. USA verbreiten Kriegshetze gegen Iran
Von Knut Mellenthin
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Schwarzer Rauch steigt auf aus einer saudischen Ölraffinerie des staatlichen Konzerns Aramco in Bakiak (14.9.2019)

Saudi-Arabien hat am Sonnabend seine bisher schwersten materiellen Verluste im Jemenkrieg erlitten. Zu mehr als der Hälfte kam die saudische Erdölförderung und -verarbeitung zum Stillstand, nachdem die jemenitischen Ansorallah-Streitkräfte die wichtigsten entsprechenden Anlagen des Landes angegriffen hatten. Die Saudis führen seit März 2015 zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten einen Interventionskrieg im Jemen.

Die Ansarollah – von ihren Gegnern und in westlichen Medien als »die Huthis« bezeichnet – hatte für den Angriff nach eigenen Angaben zehn unbemannte Flugkörper, sogenannte Drohnen, eingesetzt. Ein Sprecher der Organisation sagte, es handele sich um den Beginn von Operationen gegen insgesamt 300 wichtige Ziele in Saudi-Arabien und den Emiraten. Auf der Liste stünden unter anderem auch militärische Hauptquartiere.

Die Miliz hatte schon früher mehrmals Ölfelder, Raffinerien und Pipelines in Saudi-Arabien angegriffen, aber mit viel geringeren Schäden. Der Schlag vom Sonnabend ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Er demonstriert, dass ihre Drohnen und Raketen auch Ziele weit im Inneren des Nachbarlandes – die Entfernung zur Grenze des Jemen beträgt mindestens 800 Kilometer – präzise und mit großer Zerstörungskraft treffen können. Der Vorgang zeigt zugleich die Schwäche der saudischen Luftabwehr.

Nach Angaben der staatlichen saudischen Ölgesellschaft Aramco sind durch den Angriff 5,7 Millionen Barrel pro Tag, etwa die Hälfte der Produktion des Landes, vorübergehend ausgefallen. Wieviel Zeit für die Reparaturarbeiten erforderlich sein wird, war zunächst ungewiss. Bedeutende Auswirkungen auf den Ölpreis, der gegenwärtig recht stabil zwischen 60 und 62 Dollar pro Barrel legt, werden aber nicht unbedingt erwartet. Erstens hat Saudi-Arabien nach Schätzungen kommerzieller Beratungsfirmen Vorräte von fast 190 Millionen Barrel. Sie würden, falls nötig, 37 Tage lang reichen, um die Verluste auszugleichen. Zweitens könnten danach die USA mit Lieferungen aus ihrer sogenannten strategischen Reserve einspringen.

Der spektakuläre Militärschlag aus dem Jemen hat die saudische Regierung zu einem Zeitpunkt getroffen, in dem sie die Privatisierung von Aramco vorbereitet, um Finanzmittel für den geplanten großen Umbau der Wirtschaft – Diversifizierung statt völliger Abhängigkeit vom Erdöl – zu erhalten. Dabei dürfte sich die jetzt offengelegte Verwundbarkeit der Ölvorkommen und -verarbeitungsanlagen negativ auf den Preis auswirken.

US-Außenminister Michael »Mike« Pompeo machte per Twitter sofort den Iran für die »beispiellose Attacke auf die globale Energieversorgung« verantwortlich. Präsident Donald Trump bot den Saudis in einem Telefongespräch mit Kronprinz Mohammed bin Salman Unterstützung bei ihrer »Selbstverteidigung« an. Der als Hardliner bekannte republikanische Senator Lindsey Graham forderte die US-Regierung auf, die iranischen Ölraffinerien anzugreifen, »um dem Regime das Rückgrat zu brechen«.

Das iranische Außenministerium wies Pompeos Vorwurf als »bedeutungslos« zurück. Derartige feindselige Bemerkungen dienten dazu, ein Land zu diffamieren und so »die Grundlage für künftige Aktionen« zu schaffen.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (16. September 2019 um 10:12 Uhr)
    Nach anderen Quellen steigen die Ölpreise bzw. sind schon gestiegen: Brent plus zwölf Prozent und WTI plus zehn. Mal sehen, wie sich das weiter entwickelt.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Georg Dovermann, Bonn: In US-Geiselhaft Die USA, hierbei die Regierungen unter republikanischer Führung, müssen sich den Vorwurf machen lassen, dass sie den Eindruck erwecken, die Welt in stetigem Kriegszustand zu belassen. Man erinnere sic...
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