Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 15 / Geschichte
USA-UdSSR

Ohne Frack im Gepäck

Vor 60 Jahren besuchte Nikita Chruschtschow als erster KPdSU-Generalsekretär die USA
Von Reinhard Lauterbach
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Popcorn? Chruschtschow zu Besuch auf einer Maisfarm in Iowa im September 1959

Mitte der 1950er Jahre mussten die USA und ihre Verbündeten einsehen, dass ihre Versuche, die Sowjetunion totzurüsten, einstweilen gescheitert waren. Die UdSSR hatte nicht nur 1949 das Atomwaffenmonopol der USA gebrochen und 1953 ein Dreivierteljahr nach den USA ihre erste Wasserstoffbombe gezündet. Der Start des ersten Sputnik 1957 und wenig später des ersten Satelliten mit einem Hund an Bord erschütterten das im Westen gepflegte Bild von der eigenen, auf Dauer gegebenen Überlegenheit gegenüber der Sowjetunion. Der Westen verfiel in den sogenannten Sputnikschock. Parallel entwickelten seine Wissenschaftler alle möglichen »Konvergenztheorien«, wonach sich Kapitalismus und Sozialismus irgendwann angleichen würden.

Das hatte seine realen Grundlagen. Ende 1956 hatte die Sowjetunion in Ungarn demonstriert, dass sie sich ihren Machtbereich in Osteuropa nicht würde nehmen lassen und den Versuch einer Restauration der Vorkriegsverhältnisse gewaltsam verhindert. Fast gleichzeitig hatte der Streit um die Nationalisierung des Suezkanals durch Ägypten zu einer gemeinsamen Militärintervention Großbritanniens, Frankreichs und Israels gegen das von der UdSSR mit Waffen belieferte Ägypten geführt – eine Intervention, an der sich die USA nicht beteiligten und damit das endgültige Ende der europäischen Kolonialreiche einleiteten, an deren Fortbestand auch sie kein Interesse hatten.

Im März 1958 kündigte die Sowjetunion das Ende ihrer überirdischen Atomwaffentests an; im Oktober desselben Jahres begannen in Genf Gespräche über einen generellen Kernwaffenteststopp. Die »friedliche Koexistenz«, die die Sowjetunion spätestens seit Stalins Tod am 5. März 1953, de facto schon früher, proklamiert hatte, schien in greifbare Nähe zu rücken. Das war die Atmosphäre, in der der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower seinen sowjetischen Gegenpart zu einem Besuch in die USA einlud. Er kam im September 1959 zustande und dauerte 13 Tage – eine heute kaum noch vorstellbare Dauer.

Vorangegangen war zur Verbesserung des politischen Klimas die Unterzeichnung eines Abkommen zwischen beiden Staaten in Fragen des Kulturaustauschs. Der sowjetische Spielfilm »Die Kraniche ziehen« kam in die westlichen Kinos. Im Sommer 1959 fanden Leistungsschauen der sowjetischen und der US-Volkswirtschaft im jeweils anderen Land statt. Die Tupolew 114, das bis heute größte und schnellste Turbopropflugzeug der Welt, war Teil der sowjetischen Exposition und konnte auf dem Flughafen von New York besichtigt werden.

Es war dieselbe Maschine, mit der Chruschtschow am 15. September 1959 auf dem US-Luftstützpunkt Andrews bei Washington landete. Der UdSSR-Premier und KPdSU-Vorsitzende hatte sich für dieses Flugzeug entschieden, obwohl die Testphase noch nicht beendet war. Denn er wollte Eindruck machen. Es war ihm gerade recht, dass die als Fortentwicklung des strategischen Langstreckenbombers Tu-95 entstandene Tu-114 wegen der Propeller von knapp sechs Metern Durchmesser ein überhohes Fahrwerk hatte und deshalb auch zum Ausstieg eine höhere Treppe als die im Westen üblichen verlangte. »Ich kann doch nicht aus dem Hintern eines kleinen Flugzeugs kriechen, wenn die Augen der Westmedien auf mich gerichtet sind«, soll er seine Entscheidung begründet haben.

Tatsächlich war das Interesse der Presse gewaltig. Insgesamt 5.500 Journalisten – davon nur 41 sowjetische – waren akkreditiert. Allerdings beschäftigten sie sich überwiegend damit, Chruschtschows unangemessene Garderobe zu skandalisieren. Schon seine Frau sei nicht in Abendrobe, sondern nur im bodenlangen Seidenkleid zum Staatsempfang erschienen, mäkelte der Spiegel herum – und der Regierungschef des zweitmächtigsten Landes der Welt machte dem mächtigsten seiner Gegner nicht im Smoking oder Frack, sondern im grauen Reiseanzug und Trenchcoat die Aufwartung.

Kein Zweifel, Chruschtschow pflegte in den USA seinen proletarischen Habitus. Er besuchte Maisfarmer in Iowa – und nahm von dort die Idee mit, in der klimatisch dafür ungeeigneten Sowjetunion dasselbe Getreide anzubauen, das im amerikanischen Mittelwesten so hohe Erträge brachte. Er besuchte die streikenden Arbeiter einer Brauerei und ärgerte sich über deren antikommunistische Fragen. »Trinken Sie lieber Ihr Bier und informieren Sie sich besser«, fertigte er sie ab. Er äußerte aber auch Hellsichtiges. Gegenüber einem Offiziellen in San Francisco sagte er: »Heute sind Sie das mächtigste Land der Welt, das ist klar. Aber es wird der Tag kommen, da werden Sie Zweiter oder vielleicht sogar erst Dritter sein.« Wieso, fragte der Gastgeber zurück, welches ist das dritte? »China«, sagte Chruschtschow und setzte sich bei der UN-Vollversammlung, die er bei der Gelegenheit auch beehrte, für dessen Aufnahme in die Weltorganisation ein. Damals noch erfolglos.

Politisch hatte Chruschtschows zweitägiges Treffen mit Eisenhower zum Schluss seines Besuchs keine nachhaltigen Folgen. Beide Seiten konnten sich weder über eine Lösung des Konflikts um Westberlin und die Anerkennung der Nachkriegsgrenzen in Europa noch über Schritte zur Rüstungskontrolle einigen. Ein für 1960 geplanter Gegenbesuch Eisenhowers in der UdSSR kam nicht zustande. Die sowjetische Seite sagte ihn ab, nachdem am 1. Mai jenes Jahres ein US-Spionageflugzeug über Swerdlowsk abgeschossen worden und der Pilot Gary Powers in sowjetische Gefangenschaft gekommen war.

Warum soll man heute noch an die Reise des obersten sowjetischen Repräsentanten in die USA erinnern? Weil Chruschtschow ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das seinen Nachfolgern abging. Der Versuch der US-amerikanischen Gastgeber, ihn durch die Vorführung von Technik und Lebensstandard in Verlegenheit zu bringen, kam bei ihm nicht an. »Unser Volk hat die Oktoberrevolution gemacht, ihm ist nichts unmöglich«, erklärte er. Und auf das amerikanische Lob der eigenen »Freiheit« konterte er kurz: »Ihr nennt es Freiheit, wir nennen es Sklaverei«.

25 Jahre später kam ein Mann an die Spitze der Sowjetunion, der diese klare Kante nicht mehr zeigen wollte. Michail Gorbatschow, 37 Jahre jünger als Chruschtschow, machte noch als Landwirtschaftssekretär des Politbüros Anfang der 1980er Jahre eine Studienreise durch Kanada. In seinen 2013 erschienenen Erinnerungen schrieb er, was er gesehen habe, habe ihn so deprimiert, dass er seinen Politbürokollegen Schilderungen davon erspart habe. Gorbatschow betrachtete den sowjetischen Sozialismus nicht mehr als eine Gesellschaftsform, die sich das Volk – und der ostukrainische Bergarbeiter Nikita Chruschtschow als dessen Teil – erkämpft hatte und die hierin ihren spezifischen Wert besaß, sondern als ein mit dem Kapitalismus auf dem Gebiet der »Gestaltung« konkurrierendes und dabei unterliegendes »Modell«. Die Hoffnung und Zuversicht Chruschtschows war der sowjetischen Führung in den knapp 25 Jahren zwischen seiner USA-Reise und der Amtszeit Gorbatschows abhanden gekommen. Die Folgen sind bekannt.

Aufholen und überholen

In seinen 1971 als Verschriftlichung der originalen Tonaufnahmen veröffentlichten Erinnerungen geht Chruschtschow nicht auf seine USA-Reise 1959 ein. Einen Eindruck von seiner Denkweise vermitteln jedoch seine Aufzeichnungen über einen Besuch in Großbritannien 1956. Ein Auszug:

»So gab zum Beispiel der Erste Lord der Admiralität für uns einen Empfang. Alle möglichen Leute erschienen zu diesem zwanglosen Beisammensein, in der Mehrzahl Marineoffiziere. (…) Ich entschloss mich, eine ziemlich harte und unverblümte Sprache zu sprechen (…) Ich sagte: »Meine Herren! (…) Die ganze Welt weiß, dass Britannien einst die Meere beherrschte. Aber diese Ära ist jetzt vorbei, und wir müssen die Dinge realistisch betrachten. (…) Ihre Fachleute haben mir gesagt, wie sehr Sie den Schlachtkreuzer bewundern, auf dem wir hierhergekommen sind. Schön, ich will Ihnen etwas sagen. Wir hätten gar nichts dagegen, Ihnen diesen Kreuzer zu verkaufen, falls Sie ihn haben wollen, denn er ist bereits veraltet. Seine Waffen sind durch neue Waffen überholt. Außerdem spielen Schlachtkreuzer (…) keine entscheidende Rolle mehr. Dasselbe gilt für Bomber. Heute sind es Unterseeboote, die die Meere beherrschen, und Raketen beherrschen die Luft (…).

Meine Äußerungen vor der Admiralität wurden schließlich mit großem Zeter und Mordio in der amerikanischen Presse veröffentlicht. Mit allen möglichen Argumenten bekämpften die Amerikaner meine Meinung, dass Überwasserschiffe und Bomber der Vergangenheit angehörten. Die Entwicklung hat aber gezeigt, dass ich recht hatte, und auch die Amerikaner geben heute zu, dass die Zeit der Bomber vorbei ist und dass an ihre Stelle Raketen treten müssen.

Strobe Talbott (Hg.): ­Chruschtschow erinnert sich. Reinbek 1971, S. 410 f.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ralph Petroff: Keine klare Kante Der Autor übersieht hier meines Erachtens zweierlei: Erstens sehe ich keinen Grund, einen Gegensatz zwischen Chruschtschow und Gorbatschow zu konstruieren; vielmehr waren Glasnost, Perestroika und »Ne...
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