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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 7 / Ausland
Mugabe Simbabwe

Im Tod wieder ein Held

Robert Mugabe bekommt in Simbabwe ein Staatsbegräbnis
Von Christian Selz
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Der Leichnam Robert Mugabes bei seiner Ankunft in Simbabwes Hauptstadt Harare (11.09.2019)

An Robert Mugabe schieden sich die Geister. Für viele Simbabwer war er der Befreier, der das weiße Rassistenregime in die Knie zwang. Für andere, vor allem in der Provinz Matabeleland, war er der grausame Herrscher, der für Massaker an Oppositionellen verantwortlich war, denen Mitte der 80er Jahre etwa 20.000 Menschen zum Opfer fielen. International schadete ihm das lange wenig. Erst als im Jahr 2000 weiße Farmer von ihren Ländereien vertrieben wurden, galt Mugabe im Westen als Tyrann. In Afrika hingegen hält sich das Bild des revolutionären Vorkämpfers. Am Sonntag nun soll Mugabe, der am Freitag vor einer Woche im Alter von 95 Jahren verstarb, auf dem National Heroes Acre der Hauptstadt Harare beigesetzt werden.

Zwist hatte es in den vergangenen Tagen um die Beerdigung gegeben. Während die Regierung das Staatsbegräbnis bereits angekündigt hatte, ließ Familie Mugabe noch am Donnerstag verlauten, es werde lediglich eine Familienzeremonie geben. Am Freitag lenkten die Hinterbliebenen ein. Für Simbabwes Führung ist das Staatsbegräbnis, zu dem etliche Staatsoberhäupter erwartet werden, alternativlos. Der Widerstand der Familie galt als Affront gegen den aktuellen Staatspräsidenten Emmerson Mnangagwa, der Mugabe 2017 mit Hilfe der Armee aus dem Amt geputscht hatte. Die Regierung weiß jedoch um das hohe Ansehen, das Mugabe in Teilen der Bevölkerung noch immer genießt, vor allem bei den Älteren, die den Befreiungskampf noch selbst miterlebt haben.

Als Mugabe am 21. Februar 1924 in dem kleinen Ort Kutama geboren wurde, hieß Simbabwe noch Südrhodesien. Zunächst arbeitete er als Lehrer, ehe er beim Studium in Südafrika dem African National Congress (ANC) beitrat. Seine marxistischen und antiimperialistischen Positionen festigte er bei seiner Arbeit im bereits unabhängigen Ghana, ehe er 1960 in sein Heimatland zurückkehrte und sich dort der jungen Unabhängigkeitsbewegung anschloss. Zwischen 1963 und 1974 verbrachte Mugabe dafür fast elf Jahre durchgängig in Gefängnissen. Noch in Haft wurde er zum Präsidenten der späteren Regierungspartei Zimbabwe African National Union (ZANU) gewählt.

Nach seiner Freilassung ging er ins Exil nach Mosambik, wo er zahlreiche Camps der Zimbabwe African National Liberation Army (ZANLA) besuchte. Mugabe wurde als ZANU-Präsident bestätigt und führte einen Guerillakrieg gegen das weiße Minderheitenregime unter Ian Smith, das das inzwischen in Rhodesien umbenannte Land regierte. Der erfolgreiche Kampf der Befreiungsarmee führte schließlich zu Friedensverhandlungen, die 1979 in London abgeschlossen wurden. Im Lancaster-House-Abkommen willigte Mugabe in einen Kompromiss ein, der den Schutz des Landeigentums der Weißen garantierte. Simbabwe wurde frei, doch die Simbabwer blieben landlos. Um eine graduelle Umverteilung zu ermöglichen, verpflichtete sich die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien jedoch, der simbabwischen Regierung mit Finanzhilfen nach und nach den Kauf von Ländereien für eine Landreform zu ermöglichen.

Als der britische Premier Anthony Blair die Zahlungen an Simbabwe im Jahr 2000 einstellte, drohte dieser Prozess zu scheitern. Mugabe geriet nun auch intern unter Druck und ließ Kleinbauern und Kriegsveteranen gewähren, die weiße Farmer vertrieben. Anlass genug für den Westen, Mugabe als den Schurken zu porträtieren, der das Land zerstört hat – obwohl dazu neben Korruption und Vetternwirtschaft auch umfangreiche Wirtschaftssanktionen der EU und der USA beitrugen. Offensichtlich wurde die Heuchelei, als der aktuelle Präsidenten Mnangagwa von London und Washington 2017 als Heilsbringer empfangen wurde – ein Putschist, der als Mugabes linke Hand in den 80ern selbst eine tragende Rolle bei den Massakern im Matabeleland gespielt hatte. Sein Vorzug: Mnangagwa predigt Wirtschaftsliberalisierung und buhlt im Westen um Investoren. Mugabe blieb bis zum Schluss Antiimperialist.

Debatte

  • Beitrag von Michele Di Vito aus Winsen (15. September 2019 um 16:51 Uhr)
    Moin, ich fand den Beitrag sehr gut, nur warum Mugabe so wurde (um 2000), ist nirgendwo zu lesen. Ich war zu dieser Zeit, 1997 bis 2002, im Nachbarland Botswana und habe in den lokalen Medien die Entwicklung von Mugabe mitbekommen. Zuerst war Mugabe mit seiner Frau damit einverstanden, dass sein Land von den Engländern immer noch ausgenommen wurde und er dafür in England schön mit seiner Frau einkaufen kann. Die Kupferminen in englischer Hand, viele englischstämmige Farmer (drei Prozent Weiße hatten 95 Prozent des bebaubaren Landes) waren ein bewährtes System, und die Einwohner und Mugabe hatten Ihr auskommen. Bei Mugabes letzter England-Shopping-Tour kam es jedoch zum Eklat. In Zimbabwe ist »Schwulsein« offiziell verboten. Gelebt wurde dies natürlich trotzdem. Auf Mugabes Shoppingtour in London wurde er von einer Gruppe Schwuler angegriffen und öffentlich zur Schau gestellt. Dies wurde zu dieser Zeit in den englischen Medien breitgetreten, belacht, und Mugabe verlangte eine Entschuldigung von der Regierung/Blair etc. Hier kam nur Häme und weiterer Spott. Keine diplomatische Bemühung oder Behebung des »Problems«. Mugabe war zu dieser Zeit ein älterer Kriegsveteran und stolzer Präsident und vermutlich sehr beleidigt. Anschließend hat Mugabe angefangen, die weißen Farmer rauszuwerfen und die Minen den Engländern wegzunehmen. Ich fand das Verhalten der Engländer während dieser Phase sehr arrogant und dumm. Eine einfache Entschuldigung hätte den Tod vieler Menschen verhindert. Heute ist Zimbabwe ein Land am Boden, dank der Arroganz und des Unvermögens der englischen Regierung.

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