Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Erst mal in den Fetischklub

Mit chinesischer Coolness: The Hormones auf ihrer ersten Europatour
Von Maximilian Schäffer
The Hormones im Jazzhaus Freiburg
Keine Sorgen um den Underground: The Hormones

In Chengdu ist es leicht, einen Proberaum zu finden. Vergleichsweise günstig und unkompliziert findet es jedenfalls Wang Jiao, Gitarristin der Band, die sich international »The Hormones« (荷尔蒙小姐) nennt und aus der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan stammt, Heimat von 15,7 Millionen Einwohner und einigen Pandabären. Die vier Damen mit Vorliebe für Alkohol und scharfes Essen sehen aus, als hätte sie eine der hippen Berliner Tanztempel ausgespuckt: ganz in Schwarz, mit dunklen Sonnenbrillen, weiten Stoffhosen und Sneakers, die jeden Menschen zum Paarhufer machen. Tatsächlich besuchten sie nach ihrer Landung in Deutschland zuerst einmal geschlossen die Fetischklubinstitution »Kit Kat«, um dort den Jetlag mit gepflegtem Hedonismus zu verscheuchen. Am Montag spielt das Quartett, wie sollte es auch anders sein, in der Berghain-Kantine.

Musikalisch darf man allerdings deutlich mehr erwarten als Hipster-Hype oder China-Exotismus. Klar hören sich auf Mandarin gesungene Texte spannender an als ein deutsches »Ich lieb’ dich nicht, du liebst mich nicht«. Wenn inhaltlich aber nichts zu verstehen ist, muss das instrumentale Dekor umso hochwertiger ausfallen, damit die Faszination Asien nicht schon nach ein paar Minuten abnimmt. Zum Glück haben zwei der Bandmitglieder auf dem Konservatorium Komposition studiert – was man hört. Ebenso die Einflüsse internationaler Popgrößen wie Foals, LCD Soundsystem oder Björk. Wie eine Mischung aus diesen und Siouxsie and the Banshees zu ihren besten Zeiten klingt das ab heute auch auf westlichen Streamingplattformen erhältliche Album »Beckon«. Sängerin Zhu Mengdie alias Zhu Zhu (Vorschlag: Zhouxsie Zhu) widmet sich der Introspektion und verhandelt in ihrer Lyrik Ängste, schwierige Lebenssituationen oder nur assoziativ mit menschlichem Schicksal verknüpfte Phantasien, wie im beklemmenden Lied über den »Elephant«. Das Management der Band hat sich den Begriff »Nü Wave« einfallen lassen, um das Genre von »The Hormones« zu beschreiben – weil 女 (»Nü«) das chinesische Zeichen für »Frau« ist, es cool klingt und alles Feministische im Westen eh gut ankommt.

Im »abendländischen« Punk ist es seit den 70ern Gewohnheit, recht unverhohlen politische Zustände oder Personen anzuklagen, die man als erzürntes Individuum für unrecht erklärt. Auf die Frage, ob das auch in China möglich ist, geben die patenten Frauen aus der Volksrepublik bereitwillig Antwort. Natürlich existiere Zensur, aber auch die könne man mit simplen Tricks umgehen – das sei in ihren Kreisen Usus. Dabei hilft die Tonalsprache: Wenn man ein Wort meint, singt man es einfach, legt aber den prüfenden Institutionen ein homophon klingendes Schriftzeichen vor. So einfach ist das. Auch bei Livekonzerten funktioniere das, wo bei größeren Veranstaltungen ein Beauftragter des Bildungsministeriums, Abteilung für Sport, Sanitär und Kunst, mit einer Textliste neben dem Mischpult stehe und Obacht gebe.

Einen Underground gibt es auch in China – der muss sich keine Sorgen machen, Prüfungen werden nur seltenst vorgenommen. 1,4 Milliarden Bürger, davon knapp 14 Prozent in der relevanten Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, möchten bespaßt werden. Die begrenzt aussagekräftigen Hitlisten werden von konservativem Schlager bestimmt und im Fernsehen läuft eher Braves bis Biederes. Man lud die »Hormones« ein, strahlte sie live aus, »aber die hatten sich ein bisschen was anderes vorgestellt«, meint Wang Jiao und lacht, während Bassistin Wang Minghui grinsend am Apfelschaumwein nuckelt – es ist schließlich schon 14 Uhr. Weil es übermäßigen Bedarf nach junger, eigener Popmusik gibt, wächst auch die Klub- und Eventstruktur in der Volksrepublik rasant. Dort kann man als mittelpopulärer Musiker gut leben, während das in Deutschland immer schwieriger wird, außer man gestaltet Subventionsprojekte zum Thema Benachteiligung an staatlichen Theatern.

Für die technischen Errungenschaften Chinas hat die Band nur Lob übrig. Im Hochgeschwindigkeitszug lasse sich alles günstig und einfach transportieren. Die Beschallungsanlagen seien in fast jeder Halle fest installiert und hochwertig. Sogar Luxusexemplare der High-End-Marke »Funktion-One« werden dort verbaut – das ist dann tatsächlich wie im Berghain.

The Hormones: »Beckon« (FakeLoveMusic)

Nächste Termine: Heute, Salzburg, »Take the a train«-Festival; morgen, Zürich, El Lokal; 15. September, Amsterdam, Cinetol; 16. September, Berlin, Berghain-Kantine; 19. September, Angers, »Campus Day«-Festival; 20. September, Hamburg, Reeperbahn-Festival; 22. September, Hannover, Kulturpalast Linden

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