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Aus: Ausgabe vom 13.09.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Beste Profitaussichten

Goldesel Tencent

In Amsterdam legte am Mittwoch die unbekannte Holding Prosus ein rasantes Börsendebüt hin. Das hatte einen ganz besonderen Grund
Von Gerrit Hoekman
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Freude über das erfolgreiche »Going public« bei Prosus-Managern am Mittwoch in Amsterdam

Der Start der südafrikanischen Holding Prosus an der Amsterdamse Beurs (Börse von Amsterdam) hat am Mittwoch offenbar die Erwartungen weit übertroffen. Der Eröffnungskurs lag bei 76 Euro, fast 30 Prozent über dem Referenzkurs, wie das niederländische Het Financieele Dagblad (FD) berichtete.

Es war der größte Börsengang in der Geschichte der Niederlande, und dahinter steht der Medienmulti Naspers aus Kapstadt. Der gilt als das wertvollste Unternehmen aus Afrika. Naspers Kerngeschäft waren lange Zeitungen, Magazine und Pay-TV. Bei Medien auf Afrikaans, der Sprache der Buren, besitzt das Unternehmen praktisch das Monopol. Und es ist eine burische Gründung aus dem Jahr 1915, die zuerst unter dem Namen »De Nasionale Pers« firmierte. Später wurde daraus die Abkürzung Naspers.

Internetinvestor

Als Medienunternehmen veröffentlichte man die Zeitung De Burger, Sprachrohr der ein Jahr zuvor gegründeten Nasionale Party van Suid-Afrika. »In der Erweckung unseres nationalen Einheitsgefühls liegt unsere Rettung«, gab das Blatt schon früh die Parole vor. Naspers unterstützte bis zum Schluss die Apartheid. Erst 2015, also über 20 Jahre nach dem Ende der »Rassentrennung«, entschuldigte sich der Konzern dem niederländischen FD vom Dienstag zufolge für seine »Mittäterschaft an einem moralisch nicht zu verteidigendes Regime«.

Inzwischen hat Naspers seinen Geschäftsbereich deutlich erweitert. Laut FD trägt das südafrikanische Mediengeschäft inzwischen weniger als ein Prozent zum Gesamtumsatz bei. Die Gesellschaft ist heute vor allem ein Internetinvestor, der weltweit 25.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt und 2018 einen Gewinn von 2,5 Milliarden US-Dollar (2,27 Milliarden Euro) machte.

In der Tochtergesellschaft Prosus bündelt Naspers sein Auslandsgeschäft. Nach dem Börsengang vom Mittwoch bleiben 73 Prozent in der Hand des Mutterkonzerns. Prosus ist für die Anleger vor allem verlockend, weil das Unternehmen knapp ein Drittel der Anteile an dem chinesischen Internetkonzern Tencent aus der Industriemetropole Shenzhen besitzt. »Tencent sorgt für mehr als 80 Prozent des Portefeuille«, schrieb die Tageszeitung De Tijd am Mittwoch.

Echtes Schnäppchen

Naspers erwarb die Anteile bereits 2001, als das chinesische Unternehmen noch weitgehend unbekannt war, für schlappe 32 Millionen US-Dollar. Es war ein Schnäppchen, das seinen Wert seitdem um ein Vielfaches gesteigert hat. »Heute ist Tencent eines der größten Tech-Unternehmen Chinas und betreibt mit »We-Chat« einen der erfolgreichsten Sofortnachrichtendienste der Welt«, berichtete das Managermagazin am Mittwoch online. Neben dem »chinesischen Whats-App« mit seinen aktuell eine Milliarde Nutzern pro Tag besitzt Tencent unter anderem auch »QQ«, das meist besuchte Onlineportal im Reich der Mitte.

Tencent ist es zu verdanken, dass Prosus respektive Naspers überhaupt Gewinn macht. Der brasilianische Essenslieferant »I-Food« oder das indische Bezahlsystem »Pay-U« – die meisten Aktivitäten von Prosus schreiben nämlich rote Zahlen. Auch die 23 Prozent Anteile des in Berlin beheimateten internationalen Lieferservice »Delivery Hero« bringen laut Handelsblatt vom 6. Februar keinen Ertrag. Ausnahme: Die russische Onlineplattform »Mail.ru« steuert 45 Millionen Euro bei.

Indirektes China-Investment

Die meisten Anleger werden vermutlich Prosus-Aktien kaufen, um auf diesem Weg einen Anteil an Tencent zu erlangen. Die Notierung in Amsterdam ist interessant, weil »die Anteile besser handelbar sind und niedrigere Transaktionskosten« haben als in Hongkong, wo Tencent notiert ist, merkte die Internetseite De Aandeelhouder am 29. August an.

Die europäischen Aktionäre bekommen mit Prosus, die »Möglichkeit bei einem großen Technologiefonds anzulegen – eine Seltenheit in Europa«, urteilt das FD. Das niederländische Fachblatt für Kapitalismus sieht aber auch eine Gefahr. Brasilien, Türkei, Russland, Indien – Prosus setzt auf Investments in Ländern mit vermeintlich großem Wachstumspotential: »Schnellwachsende Ökonomien, die ein besonderes Risiko mit sich bringen«, warnt das FD.

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