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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 6 / Ausland
Kriegsverbrechen

Gerechtigkeit für Distomo

Gericht in Italien spricht griechischen Wehrmachtsopfern Entschädigungen zu
Von Efthymis Angeloudis
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Am 7. Juni 2014 fordern Demonstranten in Athen Entschädigung für die Opfer der von Nazideutschland verübten Massaker

Der Oberste Gerichtshof Italiens, das Kassationsgericht in Rom, hat am 4. September das Recht griechischer Kläger anerkannt, deutsches Eigentum in einem EU-Land als Entschädigung für die Greueltaten Nazideutschlands zu beschlagnahmen. Auf der Grundlage des Urteils fordern die 296 Kläger, Überlebende und Verwandte der Opfer des Massakers von Distomo während der Besetzung Griechenlands durch das faschistische Deutschland mindestens 25 Millionen Euro Entschädigung – einen Betrag, der aus dem Erlös der italienischen Bahn, die sich mehrheitlich im Besitz der Deutschen Bahn befindet, bezahlt werden könnte.

Deutsche SS-Soldaten zogen am 10. Juni 1944 mit bestialischer Gewalt durch das griechische Dorf Distomo am Fuße des Parnass-Gebirges und ermordeten Männer, Frauen und Kinder – ein Racheakt für den Widerstand der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS). Ein Viertel der Dorfbewohner – 218 Menschen – wurde von Truppen der »Edelweiß-Division« der Waffen-SS unter dem Kommando von Fritz Lautenbach und Hans Zampel ermordet. Lautenbach wurde nie verhaftet, und Zampel wurde freigesprochen, nachdem er nach Deutschland ausgeliefert wurde. Nazi-General Hellmut Felmy wurde 1948 auch wegen dieser von einer ihm unterstellten Einheit begangenen Verbrechen zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Wie viele andere deutsche Kriegsverbrecher aber wurde er bald begnadigt: Am 15. Dezember 1951 verließ er das Gefängnis Landsberg als freier Mann. Von der deutschen Justiz wurde keiner der Mörder verurteilt.

Der Kampf für die Entschädigung der Opfer von Distomo begann 1995, angeführt vom Präfekten des griechischen Boeotia und ehemaligen EU-Abgeordneten der sozialdemokratischen Partei PASOK, Ioannis Stamoulis. Der Rechtsanwalt soll Entschädigungsansprüche als Reaktion auf einen deutschen Priester gestellt haben, der ihm zur Versöhnung in Distomo die Hand reichen wollte, berichtet Christina Stamouli, Tochter des mittlerweile verstorbenen Politikers der griechischen Tageszeitung Kathimerini. Sie erinnert sich, dass ihr Vater damals gesagt habe, »ein Händedruck allein reicht nicht aus. Deutschland muss zahlen.« Der Anwalt reichte zum ersten Mal eine Sammelklage von Überlebenden und Verwandten der 218 Opfer des Massakers gegen den deutschen Staat ein und forderte Entschädigungen für das seelische Leid und die Verwüstung, die durch die brennenden und plündernden Nazitruppen am 10. Juni 1944 verursacht wurden.

Die Rechtsprechung ließ nicht lange auf sich warten. Zwei Jahre später sprach das Gericht der Stadt Livadia den 258 Antragstellern – Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Distomo-Massakers – eine Entschädigung von rund 23,5 Millionen Euro zu. Deutschland weigerte sich, die durch die gerichtliche Anordnung geschuldeten Beträge zu zahlen. Um die »guten« deutsch-griechischen Beziehungen nicht zu gefährden, weigerte sich der damalige griechische Justizminister Filippos Petsalnikos ebenfalls, das Urteil zu unterzeichnen. Berlin legte 2002 Einspruch ein, der vom Obersten Gerichtshof in Athen akzeptiert wurde.

Stamoulis verwies allerdings auf die Verordnung 44/2001 des Europäischen Rates, wonach ein Urteil eines griechischen Gerichts auch in einem anderen EU-Mitgliedsstaat vollstreckt werden kann. Wenn den Opfern von Distomo keine Gerechtigkeit in Griechenland widerfahre, würden sie es in Italien versuchen. Mit der historischen Entscheidung des Kassationsgerichtes sollen Opfer und Hinterbliebene nun erhalten, was ihnen zusteht. Der italienische Anwalt Joachim Lau, der die Kläger vertritt, erklärte gegenüber Kathimerini, dass die Hauptfrage, »ob wir deutschen Besitz auf italienischem Gebiet als Entschädigungszahlung pfänden können, beantwortet wurde.«

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