Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.09.2019, Seite 7 / Ausland
Politische Gefangene USA

Happy Birthday in den Knast

Leonard Peltier, indigener politischer Gefangener der USA, wird heute 75 Jahre alt
Von Michael Koch
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In einer Straße in Detroit, Michigan, wird Freiheit für Leonard Peltier gefordert

Meist ist ein 75. Geburtstag Grund zur Freude. Nicht so jedoch im Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. Denn statt Sektkorken werden dort am heutigen 12. September nur die Zellentüren des »Sarkophag aus Stahl und Stein« des indigenen politischen Gefangenen Leonard Peltier knallen. Heute wird Peltier 75 Jahre alt – Grund genug, um an das Schicksal des US-Langzeitgefangenen zu erinnern, der fast zwei Drittel seines Lebens inhaftiert ist.

Peltiers politische Sozialisation begann bereits in frühen Jahren. Ab 1972 engagierte er sich beim 1968 gegründeten »American Indian Movement« (AIM). Wegen seiner Beteiligung an einigen spektakulären Besetzungsaktionen geriet er schnell in den Fokus des FBI, in dessen Augen er nun zum »Rädelsführer« und potentiellen Sicherheitsrisiko stilisiert wurde. Mitte der 70er Jahre, nachdem der tödliche Terror gegen Indigene rund um die Pine Ridge Reservation eskalierte und mehr als 60 »Natives« mit Unterstützung einer von Polizei und FBI aufgerüsteten Todesschwadron ermordet wurden, riefen Stammesälteste und Häuptlinge des Volks der Lakota das AIM um Hilfe.

Am 26. Juni 1975 kam es zu einem tödlichen Schusswechsel, als zwei bewaffnete FBI-Agenten mit ihren Wagen überfallartig in das AIM-Camp bei Oglala rasten – ein Camp, in dem neben etwa 15 AIM-Aktivisten vor allem Frauen und Kleinkinder lebten. Im Verlauf der folgenden Schießerei starben ein junger AIM-Aktivist und beide FBI-Agenten. In der darauf folgenden Polizeiaktion wurden vor allem drei AIM-Aktivisten als potentielle Täter vorverurteilt und verfolgt: Bob Robideau (gestorben 2009), Dino Butler und Leonard Peltier.

Wurden Robideau und Butler bei ihrem Gerichtsverfahren freigesprochen, konzentrierte sich die geballte Verurteilungswut auf Peltier. Er wurde am 6. Februar 1976 in Kanada festgenommen und wegen vom FBI manipulierter Beweise an die USA ausgeliefert, angeklagt und am 2. Juni 1977 zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt. Der anfängliche Tatvorwurf des Mordes an zwei FBI-Agenten wurde zwar in Ermangelung an Beweisen in Mittäterschaft umgeändert. Doch das Strafmaß blieb dasselbe. Alle Versuche, das Verfahren neu zu eröffnen, schlugen fehl, obwohl selbst frühere Staatsanwälte des Verfahrens, einzelne FBI- und Polizeibeamte sowie ein früherer US-Justizminister Peltiers Freilassung forderten.

In den letzten 19 Jahren zerschlugen sich die Hoffnungen auf Peltiers Freilassung, zuletzt als der scheidende US-Präsident Barack Obama am 18. ­Januar 2017 eine Begnadigung ablehnte. Nach schwerer Herzkreislauferkrankung und Diabetes sowie einem Ende 2016 festgestellten lebensbedrohlichen Bauchschlagader-Aneurysma wurde der Gefangene immer häufiger bettlägerig. Ende September 2017 wurde ihm ein dreifacher Bypass im Herzbereich gelegt.

Auch an der Trauerfeier für seinen Sohn, der im Dezember 2017 bei einer Aktionswoche in Washington verstarb, durfte Peltier nicht teilnehmen. Doch der Gefangene lässt sich nicht entmutigen: Auch aus dem Knast heraus kämpft er weiter. In aktuellen Statements solidarisiert er sich mit den Bewegungen gegen den Bau von Pipelines, klagt die allgegenwärtige Gewalt gegen indigene Frauen an und ruft die Indigenen zum Kampf um ihre Rechte und zur Verteidigung der Umwelt gegen deren Zerstörung auf.

Veranstaltungen:

12.09.2019, Leipzig, 15 Uhr: Mahnwache und Kundgebung vor dem US-Generalkonsulat

12.09.2019, Berlin, 18 Uhr: Mahnwache vor der US-Botschaft

13.09.2019, Berlin, 20 Uhr: Lesung mit dem Autor Michael Koch aus »Ein Leben für die Freiheit – Leonard Peltier und der indianische Widerstand« in der Buchhandlung »Schwarze Risse«

14.09.2019, Berlin, 15 Uhr: Kundgebung und Livemusik vor der US-Botschaft

17.09.2019, Frankfurt a. M., 18 Uhr: Mahnwache, Kundgebung, Lesung und Musik vor dem US-Generalkonsulat

Mehr Infos: www.leonardpeltier.de

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