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Aus: Ausgabe vom 02.09.2019, Seite 7 / Ausland
Das schönste Fest Österreichs

Mit Kommunisten feiern

Rund 25.000 Menschen kamen am Wochenende zum »Volksstimmefest« in Wien. KPÖ eröffnet Wahlkampf
Von Ina Sembdner, Wien
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Großer Andrang am Sonntag beim »Volksstimmefest« in Wien

Wenn das »Volksstimmefest« in Wien ein Gradmesser für die anstehende Nationalratswahl Ende September wäre, bräuchte sich Österreichs Linke keine Sorgen zu machen. Nach Angaben der Veranstalter besuchten rund 25.000 Menschen das »schönste Volksfest« der Hauptstadt, seit 1946 von der Kommunistischen Partei Österreich (KPÖ) organisiert und benannt nach ihrer früheren Tageszeitung Volksstimme. Heute erscheint das Blatt monatlich als Magazin, aktueller Schwerpunkt: Wohnen und die anstehende Wahl.

Die KPÖ nutzte den festlichen Rahmen denn auch, um ihre Kampagne für die Nationalratswahl am 29. September zu starten. Sie tritt diesmal in einem Bündnis mit der Föderation demokratischer Arbeitervereine (DIDF) sowie der »Alternativen Liste Innsbruck« an. Offenbar in Anlehnung an den Wahlkampf Barack Obamas 2008 in den USA lautet der gemeinsame Slogan »Wir können«. Für einen Einzug in den Nationalrat wird es trotzdem nicht reichen. Die KPÖ kann zwar auf regionaler und lokaler Ebene, vor allem in der Steiermark und deren Landeshauptstadt Graz, veritable Erfolge verbuchen, auf Bundesebene ist sie dennoch so gut wie inexistent. Bei der Nationalratswahl 2017 kam sie auf gerade einmal 0,78 Prozent der Stimmen. Nichtsdestotrotz wurde gemeinsam mit rund 200 Anhängern kämpferisch das Partisanenlied »Bella Ciao« angestimmt.

Im Anschluss begann eine Autorenlesung »Linkes Wort« unter der Leitfrage »Was sind Worte wert«. Mit dabei auch jW-Kolumnist Erwin Riess, der aus seinem neuen Roman »Herr Groll und die Donaupiraten« las. Anfangs noch etwas gestört durch eine Fotosession mit den KPÖ-Spitzenkandidaten, setzte sich die ruhige und sonore Stimme von Riess bald durch und legte sich über das gespannt lauschende Publikum.

Da für ausreichend flüssige Abkühlung in allen Varianten gesorgt war, konnten sich die Besucherinnen und Besucher trotz hoher Temperaturen ganz ihrem Interesse an linker Politik widmen. Zahlreiche Organisationen und Stände luden zum Verweilen, Diskutieren und Stöbern ein. Das »Volksstimmefest« schaffte es auch in diesem Jahr wieder, Interessierte aus allen Altersgruppen und mit verschiedensten sozialen Hintergründen zusammenzubringen. Riesiger Andrang auch beim »Kinderlandl« – die Zahl der Kleinsten und deren Anhang lässt positiv in die Zukunft blicken. Gegenüber junge Welt hob ein Vertreter des Organisationsteams vor allem den friedlichen Aspekt der Veranstaltung hervor: »Es ist bemerkenswert, dass es bei so einem großen Fest wirkliche Solidarität unter den Leuten gibt. Es passiert nämlich nichts, es wird nichts kaputt gemacht, es wird nichts gestohlen. Und das ganze ohne Polizei und nur in geringer Zahl eingesetzten Sicherheitskräften.«

Die Gewerkschaftsinitiative Komintern konnte gemeinsam mit dem »Demokratischen Bündnis Österreich« in ihrem Ziel den ehemaligen HDP-Abgeordneten Lezgin Botan aus der Türkei begrüßen. Seine Heimatstadt Van ist eine der drei Gemeinden, in denen vor kurzem die der HDP angehörenden Bürgermeister durch die Zentralregierung in Ankara zwangsentfernt wurden. Vor allem österreichische Kurdinnen und Kurden folgten den Ausführungen des Politikers zur aktuellen Situation. Das »Demokratische Bündnis« ist der österreichische Ableger der in Deutschland aktiven »Demokratischen Plattform«, die sich erstmals am 23. August in Berlin öffentlich vorgestellt hat. In ihr sind 40 türkische und kurdische Exilorganisationen vereint, die ihre Kapazitäten und Erfahrungen bündeln und Aktionen gegen die von Ankara eingesetzten Zwangsverwalter in Diyabakir, Mardin und Van koordinieren wollen.

Das »Volksstimmefest« ermöglichte alles in allem einen umfassenden Einblick in solidarisches Miteinander und in konkrete linke Politik – das Straßenbild in Wien dominieren jedoch die Wahlaufrufe der Konservativen und der Freiheitlichen: »Einer, der unsere Sprache spricht. Das ist mein Kanzler.« (ÖVP) oder »Fair. Sozial. Heimattreu.« (FPÖ).

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