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Aus: Ausgabe vom 02.09.2019, Seite 6 / Ausland
Neue Guerilla in Kolumbien

Gegen die Oligarchie

Kolumbiens FARC-EP will sich weiter für politische Lösung einsetzen. Venezuelas Linke begrüßt neue Guerilla als Verbündete gegen US-Aggression
Von Julieta Daza, Caracas
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Jesús Santrich (mit Sonnenbrille) und Genossen in dem am Wochenende verbreiteten Video

Mit einer weiteren Deklaration hat sich die wiederbelebte Guerillaorganisation FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Armee des Volkes) in der Nacht zum Sonntag erneut zu Wort gemeldet. Zunächst über die russische Agentur Sputnik und kurz darauf auf der eigenen Internetseite www.farc-ep.info verbreitete die Organisation ein Statement unter der Überschrift »Besser aufrecht sterben, als auf Knien zu leben«. Auf einem Video ist der Comandante Jesús Santrich beim Verlesen des Textes zu sehen, in dem einige Inhalte des schon in der Nacht zum vergangenen Donnerstag verbreiteten Manifests bekräftigt werden. In diesem hatte eine Reihe von führenden Mitgliedern der ehemaligen Guerillaorganisation – unter ihnen Iván Márquez, Jesús Santrich, Oscar Montero und Edison Romaña – die Rückkehr zum bewaffneten Kampf angekündigt. Sie hatten diesen Schritt mit dem »Verrat« des kolumbianischen Staates an dem 2016 in Havanna ausgehandelten und schließlich in Bogotá unterzeichneten Friedensabkommen begründet. Man nehme das universelle Recht der Völker auf bewaffneten Widerstand gegen Unterdrückung in Anspruch. Das Video mit dieser ersten Erklärung war am Freitag vom Portal Youtube wegen angeblicher Urheberrechtsverletzung gelöscht worden.

In der nun am Wochenende veröffentlichten Deklaration wird außerdem mitgeteilt, dass die neu gebildete Führung der FARC-EP bei einem Treffen zwischen dem 22. und 25. August die Entscheidung getroffen habe, den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen und dafür die Guerillaorganisation, die ihr angeschlossenen Milizen, die Klandestine Kolumbianische Kommunistische Partei (PCCC) und die »Bolivarische Bewegung für das Neue Kolumbien« wiederzubeleben. Obwohl man sich zur Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes gezwungen sehe, wolle man sich trotzdem weiter für eine politische Lösung des Konflikts einsetzen, heißt es in dem Statement weiter. Dafür brauche es eine neue Verfassung, an deren Ausarbeitung sich die gesamte Gesellschaft beteiligen müssen, sowie die Überwindung der großen sozialen Ungleichheit im Land. Der Staat müsse demokratisiert und die Souveränität des Landes wiederhergestellt werden – letzteres ist eine Anspielung auf die militärische Präsenz von US-Truppen in dem südamerikanischen Staat.

Im Statement vom Wochenende wird außerdem eine neue militärische Taktik angekündigt. Man werde vor allem auf Offensiven des Gegners reagieren, denn »weder der Soldat noch der Polizist, oder die Offiziere, die die Interessen des Volkes respektieren, sind das Ziel der bewaffneten Einsätze, sondern die Oligarchie«. Man wolle sich »nicht weiter unter Klassenbrüdern gegenseitig töten, damit sich eine schamlose Oligarchie durch Kriegsdividenden bereichern kann.« Die FARC-EP appellieren deshalb sogar an die Angehörigen der staatlichen Einsatzkräfte, »die den Schmerz des Volkes fühlen«, für die Durchsetzung der gemeinsamen Forderungen einzutreten.

Ein Bündnis sucht die neue Guerilla auch mit der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), deren Friedensverhandlungen mit der Regierung gescheitert sind, sowie mit »jenen Genossinnen und Genossen, die ihre Banner nie eingeholt haben«. Gemeint sind damit offenkundig jene FARC-Mitglieder, die sich dem Friedensabkommen widersetzt und, zersplittert in verschiedene kleine Gruppen, den Kampf fortgesetzt haben. Die ELN ihrerseits begrüßte durch ein Statement ihres Comandante Uriel die Entscheidung der FARC-EP: »Wenn die legalen Wege für eine tiefgreifende Umgestaltung der Gesellschaft verschlossen sind, ist der bewaffnete Kampf für die Veränderung dieser Realität eine gangbare Alternative.«

Kolumbiens Regierung macht das Nachbarland Venezuela für das Entstehen der neuen FARC-EP verantwortlich. Staatschef Iván Duque sagte am Donnerstag in Bogotá, es handle sich nicht um eine neue Guerillaorganisation, sondern um eine Bande von Drogenhändlern und Terroristen, gegen die er eine Militäroffensive anordnen werde. Außerdem habe er mit dem »legitimen Präsidenten Venezuelas«, Juan Guaidó, gesprochen und ihn um Hilfe bei der Jagd auf die »kriminelle Gruppe« gebeten. Der wird diesen Wunsch kaum erfüllen können – auch mehr als sieben Monate, nachdem er sich selbst zum »Übergangspräsidenten« des Landes ernannt hat, verfügt Guaidó über keinerlei Einfluss auf die Sicherheitskräfte Venezuelas.

Der Außenminister der verfassungsmäßigen Regierung Venezuelas, Jorge Arreaza, antwortete am Freitag mit einem offiziellen Kommuniqué. In diesem wird Sorge über das Wiederaufleben des bewaffneten Konflikts im Nachbarland geäußert, zugleich aber auch scharfe Kritik an Duque geübt. Dieser habe das Friedensabkommen gebrochen, nach wie vor würden die Menschenrechte in Kolumbien systematisch verletzt, unter anderem durch die Ermordung Hunderter Aktivisten sozialer Organisationen sowie ehemaliger FARC-Kämpfer.

Offen begrüßten Teile der venezolanischen Linken die Entscheidung der FARC-EP. So sprach der Vorsitzende von »Patria para Todos« (PPT, Heimatland für alle), Rafael Uzcateguí, über den offiziellen Twitter-Account der Partei von einer »souveränen und würdevollen Antwort angesichts der Nichteinhaltung des Friedensabkommens durch die kriminelle Regierung« Duques und den hinter diesem stehenden Expräsidenten Álvaro Uribe. Der ehemalige Parlamentsabgeordnete Juan Contreras sandte als Sprecher der einflussreichen Basisbewegung »Coordinadora Simón Bolívar« in Caracas per Videobotschaft Grüße an die neue Guerilla. Besonders angesichts der ständigen Bedrohung durch eine mögliche Militärintervention der USA gegen Venezuela hoffen einige linke Organisationen, dass die Rückkehr der FARC-EP zu den Waffen ein wichtiger Faktor sein könnte, um die Aggression gegen ihr Land zu verhindern.

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