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Aus: Ausgabe vom 02.09.2019, Seite 1 / Titel
80 Jahre nach Kriegsbeginn

Gedenken im NATO-Format

Polen erinnert an deutschen Überfall vor 80 Jahren. Steinmeier bittet um Vergebung. Kaum ein Wort über sowjetischen Beitrag zur Befreiung
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Die Präsidenten Frank-Walter Steinmeier und Andrzej Duda bei der Gedenkzeremonie am Sonntag in Wielun

Polen hat am Sonntag mit mehreren zentralen Gedenkfeiern an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren erinnert. Die erste Zeremonie begann um 4.40 Uhr in der am 1. September 1939 zu dieser Morgenstunde durch einen deutschen Luftangriff zerstörten Kleinstadt Wielun. Dort gedachten Polens Staatspräsident Andrzej Duda und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Opfer. Niemand habe sich damals vorstellen können, dass eine alte europäische Kulturnation so verbrecherisch über einen Nachbarn herfallen könnte, sagte Duda. Er würdigte Steinmeiers Anwesenheit als »moralische Genugtuung« für das polnische Volk. Der Bundespräsident seinerseits bedankte sich dafür, an diesem Tag auf polnischem Boden sprechen zu dürfen. Das Verbrechen von Wielun sei heute in Deutschland noch viel zu wenig bekannt. Polnische Erinnerungsorte verdienten im historischen Bewusstsein einen gleichrangigen Rang wie die Namen Guernica, Lidice oder Oradour. Stätten deutscher Greueltaten in der Sowjetunion erwähnte Steinmeier nicht. Für spontanen Beifall bei den mehreren tausend trotz der frühen Stunde zuhörenden Anwohnern sorgte Steinmeier anschließend mit seinen auf Polnisch gesagten Worten: »Ich verneige mich vor den Opfern des Angriffs auf Wielun. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung.« Am Sonntag mittag plädierte er dann auf dem Pilsudski-Platz in Warschau für ein »starkes Europa an der Seite der Vereinigten Staaten« als Lehre aus den Greueln des deutschen Faschismus. Deutsche dürften sich nie wieder über andere Nationen erheben. Immerhin erwähnte er in einem Nebensatz die »Alliierten im Osten« und ihren Beitrag zum Sieg über Nazideutschland.

Duda und US-Vizepräsident Michael Pence gaben der Zeremonie die heute angesagte Stoßrichtung. Polens Präsident stellte Nazideutschland und die Sowjetunion, die Polen »verräterisch« angegriffen habe, in eine Reihe. Sogar für die polnischen Soldaten, die an der Seite der Roten Armee an der Befreiung des eigenen Landes teilgenommen hatten, hatte Duda nur eine Randbemerkung übrig. Pence konzentrierte sich auf Lobpreisungen der »Freiheitsliebe« und des »Heldentums« der polnischen Nation, die er auf deren tiefe religiöse Bindungen zurückführte. Er brachte es fertig, der Leistungen des niederländischen und des dänischen Widerstands zu gedenken, ohne auf die sowjetische Armee und die Leiden der Völker der UdSSR auch nur mit einem Wort einzugehen. Präsident Wladimir Putin oder andere Vertreter Russlands waren zu den Veranstaltungen nicht eingeladen worden, weil sie, so der polnische Vizeaußenminister Szymon Szynkowski vel Sek vor einigen Tagen, »vom Kurs der historischen Wahrheit abgewichen« seien. Dafür konnte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij am Rande der Warschauer Zeremonie erstmals mit einem hochrangigen US-Politiker zusammenkommen.

Ansonsten herrschten Business as usual und Wahlkampf. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki nutzte die Anwesenheit der Bundeskanzlerin bei der Zeremonie in Warschau, um über die Verteilung von EU-Mitteln und Brüsseler Personalien zu beraten. Zuvor hatte er in Gdansk erklärt, Polen sei »seit 30 Jahren und besonders in den letzten Jahren« dabei, die enormen Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs zu beseitigen. Auch hier: Kein Wort von den Aufbauleistungen des sozialistischen Polens.

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