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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 5 / Inland
Personalmangel

Ungewöhnliche Konstellation

Deutsche Krankenhausgesellschaft, Pflegerat und Gewerkschaft Verdi stellen Eckpunkte für ein Pflegepersonalbemessungsinstrument vor
Von Susanne Knütter
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Annäherung an eine bedarfsgerechte Versorgung: Eckpunkte für ein Konzept zur Personalbemessung sind formuliert

Am Dienstag trat eine ungewöhnliche Konstellation in Berlin vor die Presse. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der Pflegerat und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) stellten erste Eckpunkte für ein Personalbemessungsinstrument vor, das eine angemessene Pflegepersonalausstattung definieren soll. Bis Jahresende soll daraus ein Konzept entwickelt und dem Bundesgesundheitsministerium präsentiert werden.

In zum Teil langwierigen Auseinandersetzungen mit den Krankenhausverwaltungen hat Verdi bisher für 14 Kliniken Vereinbarungen zur Entlastung des Personals erkämpft. An vielen Punkten würden die DKG, Verdi und der Pflegerat divergierende Interessen vertreten, sagte Andrea Lemke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerats. Darin, dass im Bereich der Pflege Handlungsbedarf bestehe und ein Konzept für eine gute Pflege bürokratiearm und schnell umsetzbar sein muss, seien sich alle einig.

Im Mittelpunkt stünden eine »qualitativ hochwertige Patientenversorgung« und »hohe Patientensicherheit«, erklärte DKG-Präsident Gerald Gaß. Das Instrument ermittle den Pflegepersonalbedarf eines Krankenhauses für die unmittelbare Patientenversorgung auf allen bettenführenden Stationen und definiere die notwendige Pflegepersonalausstattung für die Stationen des gesamten Krankenhauses. Das bedeutet, so Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler, dass der tatsächliche Personalschlüssel für jede Station und anhand des Bedarfs der Patienten ermittelt werde. Was nütze es der Pflegekraft, die allein auf der Station arbeiten muss, wenn der Personalschlüssel auf einer anderen stimmt, sagte Bühler mit Verweis auf die Personaluntergrenzenverordnung der Bundesregierung für pflegesensitive Bereiche. Danach müsse »eine Minimalbesetzung zur Vermeidung von Gefahren für Patienten nur im Durchschnitt eingehalten werden«.

Zu einer Zustimmung auf die Nachfrage, ob die Personaluntergrenzenverordnung damit ad acta gelegt werde, konnte sich zumindest die Vertreterin des Pflegerates an diesem Tag nicht durchringen. Sie müsse modernisiert werden, so Lemke. Auf die Frage, wie eine »hochwertige, bedarfsgerechte Patientenversorgung« aussehe und welche Größenordnung man sich da vorzustellen habe, legte sich vorerst nur die Gewerkschaftsvertreterin in einem Punkt auf die Aussage fest: »Nachts darf keine Pflegekraft mehr allein auf Station sein.« Im Schnitt sei eine Pflegekraft im Nachtdienst momentan für 26 Patienten zuständig, erklärte Bühler. Teilweise kämen sogar 40 Pflegebedürftige auf eine Krankenschwester.

Das Problem sei, so Lemke, dass man nicht weiß, wieviel Personal tatsächlich gebraucht werde. Da hätte jede Organisation ihre eigenen Zahlen. Verdi, so Bühler, geht aktuell von 80.000 Vollzeitstellen aus, die in der Pflege fehlen. Die DKG verweist auf Zahlen der Arbeitsagentur. Für das Jahr 2018 meldete diese 15.707 offene Stellen in der Krankenpflege. Der tatsächliche Bedarf soll nun auf Grundlage der Struktur der Pflegepersonalregelung (PPR) ermittelt werden.

Die PPR wurde 1990 von einer Expertenkommission entwickelt und 1992 als Teil des Gesundheitsstrukturgesetzes beschlossen, aber nach wenigen Jahren wieder aufgehoben. Sie verpflichtete die Krankenhäuser, alle Patienten nach vorgegebenen Kriterien einmal täglich einer bestimmten Pflegestufe (bzw. Patientengruppe) zuzuordnen. Jeder einzelnen Pflegestufe war ein auf die Minute genauer zeitlicher Pflegeaufwand zugewiesen. Außerdem wurde pro Patient unabhängig von der Verweildauer ein »Fallwert« von 70 Minuten, dazu ein »Pflegegrundwert« von 30 Minuten pro Tag zugrunde gelegt. Damit sollten Aufgaben und Tätigkeiten berücksichtigt werden, die nicht direkt am Patienten zu erbringen, aber für die Patientenversorgung unerlässlich sind (z. B. Stationsbesprechungen). Die Addition der Minutenwerte für alle Patienten ergab einen Gesamtpflegezeitbedarf für die jeweilige Station, Abteilung oder das Krankenhaus.

Wie aus den Eckpunkten für den bis Ende des Jahres zu erbringenden Vorschlag hervorgeht, sollen diese Fall- und Minutenwerte überarbeitet und aktualisiert werden. Das Instrument müsse kontinuierlich weiterentwickelt werden, um »pflegewissenschaftliche und versorgungsrelevante Erkenntnisse« berücksichtigen zu können. Das Pflegepersonalbemessungsinstrument sei unmittelbar verbindlich. »Sollte es nach einer Übergangsphase zur Unterschreitung des ermittelten Pflegepersonalbedarfs kommen, setzen gestufte Interventionen ein.« Damit die ermittelten Personalvorgaben letztendlich umgesetzt werden können, bedürfe es nicht nur einer frühzeitigen Benachrichtigung der Krankenhäuser, erläuterte DKG-Präsident Gaß. Jährlich fehlten den Kliniken drei Milliarden Euro an Investitionsmitteln. Die Beteiligten seien sich einig, dass das Personalbemessungsinstrument künftig Grundlage für die Verhandlung des Pflegebudgets ist, so Gaß.