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Aus: Ausgabe vom 14.08.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg im Jemen

Zerrüttete Allianz

Bündnis zwischen Riad und Abu Dhabi im Jemen-Krieg scheint irreparabel zerbrochen
Von Wiebke Diehl
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Der Hafen von Aden hat für die Kriegsparteien strategische Bedeutung

Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Hauptprotagonisten des Angriffskriegs gegen den Jemen, verfolgen seit Beginn der Militäroperation Ziele, die nicht nur nicht identisch sind, sondern sich diametral entgegenstehen: Dem saudischen Königshaus geht es um die Konkurrenz mit dem Iran, um die Vormachtstellung in der Region sowie um die Sicherung der südwestlichen Grenze des Königreichs, die auf beiden Seiten schiitisch besiedelt ist. Riad bezeichnet die eigene schiitische Bevölkerung – freilich ohne dafür Beweise zu erbringen – als fünfte Kolonne Teherans und fürchtet ihren Unmut infolge ihrer seit Jahrzehnten anhaltenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Unterdrückung und Diskriminierung durch den Zentralstaat.

Den politischen und militärischen Aufstieg der jemenitischen Ansarollah (»Huthis«) beäugte man dementsprechend von Beginn an argwöhnisch, erste Grenzkonflikte mit ihnen um drei von Riad 1934 annektierte jemenitische Provinzen gab es bereits 2004. Als die Ansarollah nach ihrer Machtübernahme in Sanaa die Rückgabe des ursprünglich jemenitischen Territoriums forderten, war der Kriegseintritt Riads besiegelt. Zudem gefährdeten die »Huthis« in den Augen der Königsfamilie deren Politik der Destabilisierung des Nachbarlands. Die von Riad komplett abhängigen Präsidenten Jemens waren faktisch von der Königsfamilie gesteuert worden. Auch Abed Rabbo Mansur Hadi war in den Augen Riads nicht mehr als eine Marionette, die nach dem Sturz des ehemaligen Staatschefs Ali Abdullah Salih den saudischen Einfluss im Jemen, insbesondere aber in dessen Norden, gewährleisten sollte.

Den VAE hingegen geht es vor allem um die Kontrolle der Häfen Jemens, insbesondere in Aden, und der zugehörigen Wasserwege. Mit ihrer Unterstützung des »Südlichen Übergangsrats« (STC) fördern sie Kräfte, die entgegen der Interessen Saudi-Arabiens eine Spaltung des Landes zum Ziel haben. Ein wieder unabhängiger Südjemen mit enger Anbindung an die VAE – nicht als neuerliches sozialistisches Projekt, sondern an der in den Emiraten vorherrschenden reaktionären Ideologie orientiert – wäre ganz im Sinne Abu Dhabis. Dementsprechend hat man im Süden des Landes kräftig in den Aufbau politischer Strukturen investiert und Zehntausende Kämpfer ausgebildet und bewaffnet, darunter die besonders berüchtigten und von Extremisten dominierten »Sicherheitstruppen« (Security Belts), die Zivilisten entführen und ermorden und nicht dem saudisch geführten Militärbündnis, sondern direkt Abu Dhabi unterstellt sind. Zudem unterhalten die VAE Geheimgefängnisse, in denen brutalste Folter an der Tagesordnung ist und in denen auch Militärs und Geheimdienstler der USA Verhöre durchführen sollen.

Obwohl die Emirate bereits die Hälfte ihrer 5.000 bis 10.000 Soldaten aus dem Jemen abgezogen haben, behalten sie durch die Weiterzahlung der Gehälter örtlicher Kämpfer und Politiker sowie die Fortführung der militärischen und geheimdienstlichen Ausbildung lokaler Kräfte eine solide Hausmacht im Land, die ihren Einfluss sichert. Die VAE haben – direkt oder über Söldner – außer über die Stadt Hodeida, der »Lebensader« des Jemen, die faktische Kontrolle auch über alle Häfen des Landes sowie über die Insel Sokotra vor dem Golf von Aden, auf der sie einen Militärstützpunkt errichtet haben. Die Regierung der VAE und die Separatistenbewegung verbindet darüber hinaus ihr Misstrauen gegen »Präsident« Hadi. So erklärte denn auch am Wochenende Nisar Haitham, ein Sprecher des STC, man habe lediglich den Südjemen vor »Nordjemeniten, die dem Süden gegenüber feindlich gesinnt« seien, geschützt. Die Islamisten der Islah-Partei, einem tribalistisch geprägten Zweig der Muslimbruderschaft, die auf Seiten Hadis und der Militärallianz stehen, bezeichnete er als »Al-Qaida-Mitglieder mit militärischen Titeln«. Zwar betrachtet auch Riad die Muslimbruderschaft im eigenen Land als potentielle Bedrohung, im Jemen aber kooperiert man seit Jahren mit der Islah-Partei.

Eine Abspaltung des Südjemen wird immer wahrscheinlicher. Gut möglich, dass die Separatisten eine von ihnen behauptete – und äußerst abwegige – Beteiligung der Muslimbrüder an dem Drohnenangriff der Ansarollah in der letzten Woche nicht tatsächlich annehmen. Vielmehr scheint es, dass diese Behauptung konstruiert ist, weil man einen Anlass braucht, die seit langem geplante Abspaltung des Südens endlich in die Tat umzusetzen.

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