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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 5 / Inland
Hochschulfinanzierung

»Elite« für die Ewigkeit

Heute werden die Siegerunis der »Exzellenzstrategie« gekürt. Den Profiteuren winken Geld, Ruhm und ein dauerhafter Platz am Fördertopf
Von Ralf Wurzbacher
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Die Hamburger Universität hat bereits Zuschüsse für »Exzellenzcluster« bekommen. Damit erhöht sich die Chance, den Zuschlag für den Status »Eliteuni« zu erhalten

Zur »Elite« zu gehören ist nicht jedermanns Sache. Am Vortag der großen Entscheidung, welche von Deutschlands Hochschulen sich demnächst mit dem Label »Exzellenzuni« schmücken dürfen, meldeten sich Studierendenvertreter von zehn der insgesamt 22 Titelanwärter in einer Protestnote zu Wort. Einige wenige Standorte erhielten massive finanzielle Unterstützung, während viele leer ausgingen, wird darin moniert. Hierdurch entstehe ein »Zwei-Klassen-System«, das »keiner Universität, keinem Studierenden und keinem Lehrenden auf lange Sicht nützt«. Und abschließend: »Es ist Zeit, diesem sinnlosen Wettbewerb für die Zukunft ein Ende zu setzen.«

Tatsächlich ist das sogar geplant, wenngleich nicht so, wie es den Kritikern lieb wäre. In den bisherigen drei Vergaberunden der »Exzellenzinitiative« mussten sich die Wettbewerber stets von neuem in einem aufwendigen Bewerbungsverfahren für die Millionengaben von Bund und Ländern qualifizieren. Mit der Umstellung auf die sogenannte Exzellenzstrategie ist ab sofort Schluss mit dem Gerangel. Wer einmal zum Sieger auserkoren wird, dürfte seinen Platz am Fördertopf auf sehr lange Sicht behaupten. Nach sieben Jahren soll das Geleistete zwar einer Evaluation unterzogen werden. Allerdings dürfte das Prozedere kaum dazu führen, dass sich der Kreis der »Besten« noch einmal nennenswert verändert.

Für den Eliteforscher Michael Hartmann ist das die »folgenschwerste Zäsur« beim Förderprozedere. »Die Gefahr, aus der Eliteliga abzusteigen, wird stark minimiert«, bemerkte er am Donnerstag gegenüber junge Welt. »Man muss sich schon ziemlich dumm anstellen, um
Titel, Ruhm und Anschlussförderung einzubüßen.« Vielleicht würden künftig »ein oder mal zwei Kandidaten ihren Status wieder verlieren, um wenigstens den Schein von Konkurrenz zu wahren«, ergänzte der emeritierte Soziologe. Selbst in der Champions League beim Fußball müssten sich die reichsten Klubs bislang noch im jährlichen Wettbewerb qualifizieren. Dagegen werde bei der »Exzellenzstrategie« echter Wettbewerb »institutionell weitgehend unterbunden«.

Genau das ist politisch gewollt und zeigt sich insbesondere in dem Richtungsentscheid der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von 2016, das Programm auf Permanenz zu stellen. Das Päppeln von Deutschlands Superunis – zum Nachteil vor allem des großen Rests an kleinen und mittleren Hochschulen – wird damit zum Dauerbrenner. Nach der Logik der Macher ist das nur konsequent: Um international zu den Stärksten aufzuschließen – wie es erklärtes politisches Ziel ist –, braucht es wenige »Leuchttürme« mit viel Kraft und Ausdauer und keine, denen auf halbem Weg die Lichter ausgehen.

Die »Exzellenzinitiative« galt dagegen als Veranstaltung mit offenem Ende. In ihrem Rahmen flossen seit 2005 fast 45 Milliarden Euro in die »Förderung von Spitzenforschung«, während die Grundmittel der Hochschulen im gleichen Zeitraum im Verhältnis zu den Studierendenzahlen flächendeckend zurückgingen. Ab 1. November 2019 soll die »Exzellenzstrategie« den siegreichen Unis in den folgenden zehn Jahren mindestens 5,3 Milliarden Euro mehr bescheren. Verteilt wird das Geld über die Förderlinien »Zukunftskonzept« (verbunden mit der Auszeichnung als »Exzellenzuniversität«) und »Exzellenzcluster«, wenn Wissenschaftler oder Institute zu einem Thema fachübergreifend forschen. Die Entscheidung über die Exzellenzcluster fiel bereits im September. Nur die Standorte mit mindestens zwei prämierten Clustern schafften es dabei in die Endausscheidung um das Eliteprädikat.

Am heutigen Freitag nachmittag wird die »Exzellenzkommission«, bestehend aus Wissenschaftlern und Bund-Länder-Vertretern, die Siegerunis bekanntgeben. Im Rennen befinden sich die Unis Kiel, Hamburg, Bochum, Bonn, Aachen, Köln, Dresden, Tübingen, Konstanz, Freiburg, Karlsruhe, Heidelberg, Stuttgart, Münster und Braunschweig sowie die TU und die LMU München. Dazu kommen zwei Verbünde: einer aus den drei Berliner Unis sowie der Charité und das Hannoveraner Duo aus Uni und Medizinischer Hochschule. Maximal elf Bewerber dürfen auf einen Zuschlag und Extrazuschüsse von zehn bis 15 Millionen Euro, ein Verbund kann auf Förderung von bis zu 28 Millionen Euro hoffen.

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