Gegründet 1947 Donnerstag, 22. August 2019, Nr. 194
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Verfehlte Drogenpolitik

Tödliche Bilanz

Drogenpolitik der Bundesregierung gefährdet Menschenleben, warnen Experten. Internationaler Gedenktag für verstorbene Konsumenten am Sonntag
Von Markus Bernhardt
Drogenkonsumraum_in_60767125.jpg
Es geht auch anders: Im Drogenkonsumraum Birkenstube in Berlin gibt es Hilfe statt Repressionen (13.2.2014)

Seit Jahren fordern Suchtmediziner, Angehörige von Drogengebrauchern und Betroffene ein Umdenken in der herrschenden Drogenpolitik. Warum die nötig wäre, zeigen aktuelle Zahlen: Alleine im letzten Jahr starben in der Bundesrepublik 1.276 Menschen an den Folgen des Konsums illegalisierter Stoffe. 191 Menschen – und damit satte 14 Prozent mehr als im Vorjahr – kamen 2018 alleine in Berlin ums Leben. Jeder Todesfall kann auch als Anklage gegenüber der bislang betriebenen Kriminalisierung, Ausgrenzung und unterlassenen Hilfeleistung von Konsumenten verstanden werden.

Erst im Juni hatte die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) ihren jährlich erscheinenden Bericht mit aktuellen Daten vorgestellt. Darin heißt es, schätzungsweise rund 96 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger im Alter zwischen 15 und 64 Jahren hätten mindestens einmal in ihrem Leben illegalisierte Drogen genommen. Allein im letzten Jahr sollen der EBDD zufolge geschätzt 19,1 Millionen der 15- bis 34jährigen (16 Prozent) verbotene Stoffe konsumiert haben. Im Jahr 2017 wurden in der EU schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen wegen des Drogengebrauchs behandelt.

Zweierlei Maß

Neben dem Konsum von Cannabis steigt aktuell vor allem der von Kokain an. Das zeige sich sowohl anhand der Zahl der einzelnen Sicherstellungen als auch anhand der dabei gefundenen Mengen. Letztere befänden sich laut EBDD »auf einem Rekordhoch«. Mittlerweile sprechen sich selbst Polizeibedienstete dafür aus, den Besitz kleinerer Mengen von Kokain zum Eigenbedarf nicht mehr unter Strafe zu stellen. So hatte Olaf Schremm, Chef der Drogenfahndung im Landeskriminalamt Berlin, Ende Juni gegenüber dem Tagesspiegel dazu aufgerufen, »einen neuen Umgang mit Kleinstmengen Kokain« zu finden. So könnten etwa Eigenbedarfsregelungen auch für sogenannte harte Drogen eingeführt werden (jW berichtete).

Während der Kokainkonsum in allen gesellschaftlichen Schichten ansteigt und Debatten neue Wendungen nehmen, sieht es beim Thema Heroin nach wie vor düster aus. Die Mehrheit der Gebraucher sogenannter harter Drogen verstirbt nicht an dem Stoff selbst. Vielmehr sind mögliche Verunreinigungen, Überdosierungen, äußere Umstände des Konsums, staatliche Repression und mangelnde Hilfsangebote wie etwa öffentliche Drogenkonsumräume der Grund dafür, dass viele Menschen dem Kreislauf der Sucht nicht entkommen können und schlimmstenfalls ihr Leben lassen.

Um auf die Situation der Konsumenten illegalisierter Stoffe aufmerksam zu machen, aber auch der Verstorbenen zu gedenken, finden traditionell am 21. Juli, dem »Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebraucher«, in vielen bundesdeutschen Städten Kundgebungen und Mahnwachen statt. Der besagte Gedenktag geht auf den Tod des jungen Drogengebrauchers Ingo Marten zurück, der am 21. Juli 1994 in Gladbeck verstarb. Seiner Mutter gelang es, mit Unterstützung der Stadt eine Gedenkstätte für ihren Sohn und andere verstorbene Konsumenten zu installieren. In den nächsten Jahren folgten weitere Orte der Erinnerung und Mahnung in anderen Städten. Bundesweit steht der Gedenktag in diesem Jahr unter dem Motto »Gesundheit und Überleben gibt es nicht zum Nulltarif«.

»Mit diesem Thema fokussieren wir auf die stetige Ausdifferenzierung der Angebote kommunaler Suchthilfe«, erklärte Dirk Schaeffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), am Donnerstag gegenüber jW. Ohne die entsprechenden kommunalen Mittel würden »dringend erforderliche und erfolgreiche Beratungs- und Testangebote für HIV und Hepatitis C nach dem Ende der Modellphase wieder eingestellt«. Es brauche den »Ausbau eines ausdifferenzierten Hilfesystems von niedrigschwelligen Angeboten« sowie neue Beratungsformate »für Konsumentinnen und Konsumenten von neuartigen psychoaktiven Substanzen«, forderte Schaeffer. Selbst dringend erforderliche Fortbildungsangebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Suchthilfe könnten vielfach nur im beschränkten Umfang stattfinden.

»Die kommunale Suchthilfe benötigt schon lange eine bessere finanzielle Ausstattung, um den aktuellen Anforderungen mit hoher fachlicher Qualität, hinreichend Zeit und angemessener Empathie begegnen zu können«, gab der DAH-Referent im jW-Gespräch zu bedenken. So ermögliche die Arbeit der Beratungsstellen vor Ort Drogengebrauchenden nicht nur eine unmittelbare Hilfe bei akuten Problemlagen. Dort würden sich zudem »auf positive Weise soziale Treffpunkte für ansonsten gesellschaftlich weitgehend ausgegrenzte Menschen« entwickeln, so Schaeffer, der sich auch im bundesweiten Netzwerk JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) engagiert. Dieser Zusammenschluss feiert mit einem Fachtag am 27. September in Köln sein 30jähriges Bestehen.

Vielschichtiges Problem

In der Domstadt wird der internationale Gedenktag unterdessen bereits am morgigen Sonnabend (12 bis 16 Uhr) auf dem Rudolfplatz begangen, um mehr Menschen als an einem Sonntag zu erreichen. Laut offiziellen Erhebungen stieg die Anzahl der Drogentoten in Köln von 51 (2017) auf 71 im Jahr 2018 – ein Zuwachs um annähernd 40 Prozent. Marco Jesse von Vision e. V., dem »Verein für innovative Drogenselbsthilfe« aus Köln, nannte in einer anlässlich des Gedenktages veröffentlichten Stellungnahme einige der Ursachen für diese negative Entwicklung: steigende Zahlen von Obdachlosen, das zunehmende Lebensalter der Konsumenten, die fehlende Möglichkeit, legal Drogen zu nehmen. Jesse warnte auch vor der zunehmenden Perspektivlosigkeit bei den Drogengebraucherinnen und -gebrauchern »aufgrund fehlender sinnstiftender Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten«.

Informationen und Hilfsangebote: jes-bundesverband.de, vision-ev.de, akzept.org, aidshilfe.de

Hintergrund: Aufklärung statt Verbote

Zunehmend rührt sich Widerstand gegen die ideologisch motivierte Drogenpolitik. Im Rahmen des »Internationalen Gedenktages für verstorbene Drogengebraucher« findet an diesem Sonntag (13 bis 14.30 Uhr) eine Protestkundgebung am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg statt.

»Es ist nicht damit getan, Drogengebraucherinnen und Drogengebraucher zu behandeln, sie dann aber ohne jegliche Möglichkeit der Teilhabe sich selbst zu überlassen«, monierte Dirk Schaeffer von der Deutschen AIDS-Hilfe gegenüber jW. Dies habe zur Folge, dass viele ein Eremitendasein führten und in anspruchslosen Beschäftigungsprojekten endeten. »Wir regen daher eine Berliner Initiative für ein Beschäftigungsmodell an, in dem sich große Firmen zusammenschließen und substituierten Menschen die Möglichkeit einer stufenweisen Reintegration in das Arbeitsleben bieten«, so Schaeffer. Solche Modelle seien in der Schweiz bereits vor der Jahrtausendwende erfolgreich etabliert worden.

191 Drogentote in der Hauptstadt seien »der Ausdruck einer auch in Berlin verfehlten Drogenpolitik, die auf Szenevertreibung und Verfolgung setzt«. Mit solchen Maßnahmen konterkariere man auch gute Ansätze der Ausweitung niedrigschwelliger Angebote wie den neuen Drogenkonsumraum in Berlin-Neukölln, kritisierte Schaeffer.

Auch von Cannabiskonsu­menten kommt zunehmend Kritik an der herrschenden Politik. Im Rahmen der diesjährigen »Hanfparade«, die unter dem Motto »Legalisierung nur mit dir« steht, werden am 10. August wieder Tausende Menschen in Berlin auf die Straße gehen. Bereits seit 1997 findet der Protestzug jährlich statt und wirbt seither »für die Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel in Deutschland«.

»Vom Cannabiskonsum gehen bekanntlich weniger Risiken für das Individuum und die Gesellschaft aus, als vom Konsum der legalen Drogen Alkohol und Nikotin«, heißt es im Aufruf zu den diesjährigen Protesten. Ungeachtet der geringen Risiken halte »die derzeit herrschende Politik am Hanfverbot durch das Betäubungsmittelgesetz fest«, mit Verweis auf das vorgeschobene Argument des Gesundheitsschutzes. Vielmehr ergebe sich die Gefahr für die Gesundheit der Konsumenten durch fehlende Kontrollen des Stoffes, der häufig durch Streckmitteln oder andere Methoden verunreinigt sei. »Ein Ziel der Hanfparade ist es deshalb, möglichst vielen Menschen aufzuzeigen, dass das Verbot schlimmere Folgen hat, als vom Konsum selbst ausgehen. Des weiteren ist ein effektiver Jugendschutz nur durch einen regulierten Markt umsetzbar«, so die Organisatoren der Hanfparade weiter.

(bern)

hanfparade.de

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (19. Juli 2019 um 13:47 Uhr)
    Der König ließ alle Kamele zählen. Voller Panik und Verzweiflung wollte der Fuchs das Land verlassen.

    »Du bist doch gar kein Kamel, woher die Angst?« wurde er gefragt.

    »Wer wird sich wohl für mich einsetzen, wenn die Kamelkontrolleure mich am Wickel haben«, antwortete er.

    So sieht das aus mit »Selbsthilfe« und »Sozialstaat«.

    Die Kriminalisierung von Drogen wird zu einer umfassenden Psychiatrisierung der Gesellschaft genutzt.

    Das Dispositiv stammt aus der Industrialisierung. Es handelt sich darum, den Arbeitszwang durchzusetzen, wie Foucault mit Blick auf die Historie nachwies. Dazu wurden sogar aus Heiligen »Religionswahnsinnige« und Vernunft, Religion in vorauseilendem Gehorsam/Anpassungszwang mit Geldegoismus als Haupteinfallstor für Existenzängste/Steuerung gleichgesetzt.

    In Malamuds »Fixer« will der Titelheld sich mit Spinoza als Selbsterkenntnis, Philosophie (statt Religion) »wehren«. Dazu muss er »Spinoza – praktische Phiosophie« von Deleuze zu Hilfe nehmen, einem Foucault- und Guattari-Intimus!

Mehr aus: Schwerpunkt