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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Technik & Kritik

Ausweitung der Kommunikationszone

Drei Einakter zum Mitnehmen
Von Pierre Deason-Tomory

1. Die unerträgliche Erreichbarkeit des Seins

Herr Branticek sitzt im leeren Wartezimmer der Radiologie und telefoniert, als er von der Schwester aufgerufen wird.

»Das mit dem Telefon tut mir leid, aber da war meine Mutter dran.«

»Man muss nicht immer telefonieren.«

»Da haben Sie recht, aber da war doch meine Mutter dran.«

»Man muss nicht immer telefonieren.«

»Ja! Sie haben Sie ja recht! Aber ich muss doch rangehen, wenn die Mama anruft?«

»Man muss nicht immer telefonieren.«

– »Ob sie noch einen anderen Satz kann?«

»Bitte machen Sie sich oben herum frei.«

(Vorhang.)

*

2. Ein Gespräch im Hause Deason mit dem abwesenden Herrn von Tomory

Ich könnte was arbeiten.
Oder abspülen.
Ich könnte die Wäsche zusammenlegen.

*

Ich könnte aber auch mit dem Rad in die Stadt fahren!
Und Weißweinschorle trinken!
Und Zeitung lesen!

*

Die Zeitung kann ich auch hier lesen.
Sie liegt auf dem Tischchen neben mir.
Unter dem Telefon.

*

(Nimmt das Handy und fängt an zu scrollen. Vorhang.)

3. Liebe in Zeiten der SMS

Er tippt in sein Telefon: Wollen wir was unternehmen? (Zusch)

Sie antwortet: Weiß nicht? Willst Du weggehen? (Zusch)

Er: Willst DU weggehen? (Zusch)

Sie: Wenn DU weggehen willst, ja. (Zusch)
...
Er: Wir könnten natürlich auch einen Fernsehabend machen. (Zusch)

Sie: Willst Du gar nicht weggehen? (Zusch)

Er: Doch schon, aber ich dachte, DU willst vielleicht nicht. (Zusch)

Sie: Nein, lass uns weggehen. (Zusch)
...
Er: Sicher? (Zusch)

Sie: Ja. (Zusch)

Er: O. k. (Zusch)
*

(Er dreht sich zu ihr und gibt ihr einen Kuss. Dann stehen sie vom Sofa auf und verlassen das Zimmer. Vorhang. Licht.)

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