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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 15 / Medien
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Mörder im Rampenlicht

Beim G-20-Gipfel in der ersten Reihe: Saudischer Kronprinz wird hofiert. Doch UNO sieht Verstrickungen in Journalistenmord
Von Gerrit Hoekman
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Keine Lichtgestalt: Als künftiger G-20-Gastgeber stand Saudi-Arabiens Kronprinz im Zentrum des Protokollfotos vom Gipfel in Osaka

Lange war es reichlich still geworden um das Verbrechen und dessen Auftraggeber und Täter. Ende Juni veröffentlichten die Vereinten Nationen dann ihren Bericht zum bestialischen Mord an dem Journalisten und Regimekritiker Dschamal Chaschukdschi (Jamal Khashoggi) im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul (jW berichtete). Fazit der Sonderberichterstatterin Agnès Callamard: Die UNO sieht Hinweise, dass der saudische Kronprinz Mohammed Bin Salman persönlich in den Mord verstrickt sein könnte. In welchem Umfang dies der Fall sei, müssten weitere Nachforschungen zeigen.

Das Ergebnis der Untersuchung dürfte den Herrschenden in Riad nicht gefallen. In Panik versetzen wird es sie allerdings auch kaum. Solange US-Präsident Donald Trump und andere westliche Staatschefs ihre schützenden Hände über den Kronprinzen halten, wird die abscheuliche Tat ungesühnt bleiben, das ist gewiss. Hauptsache, das Öl fließt weiter und das Rüstungsgeschäft floriert. Saudi-Arabien ist aus strategischen Gründen für die USA als Aufmarschgebiet am Persischen Golf gegen den Iran unverzichtbar.

Der Mord an Chaschukdschi gilt vielen Herrschenden deshalb eher als Kollateralschaden. Ein bisschen Empörung und Schwamm drüber. In der grundsätzlichen Bewertung von eher unabhängigen Medien unterscheiden sich Trump und der Kronprinz ohnehin nur in Nuancen. Als Lobhudler sind sie willkommen, als Kritiker werden sie abgelehnt – und im Falle des offenbar völlig aus der Zeit gefallenen Prinzen – unerbittlich verfolgt.

Während POTUS (Code für President of the United States) unbotmäßige Journalisten meistens nur über Twitter und auf Pressekonferenzen verbal niedermachen kann, bedient sich der saudische Machthaber nach Gusto anderer Mittel: Folter, Gefängnis und staatlich sanktionierter Mord. 1.000 Peitschenhiebe gehören zweifellos zu letzterem. Zu denen war 2014 der Blogger Raif Badawi verurteilt worden, dazu wie zum Hohn zu zehn Jahren Haft. Auf der »Rangliste der Pressefreiheit«, die jedes Jahr von der Organisation »Reporter ohne Grenzen« (ROG) erstellt wird, liegt Saudi-Arabien auf Platz 172 von 180 aufgeführten Staaten. Zwei Plätze schlechter sogar noch als der Iran.

Nach bürgerlichem Verständnis »unabhängige Medien« sind im Wüstenkönigreich verboten. Die Vorschläge der Redaktionen müssen tagtäglich durch die staatliche Zensur. Erlaubt ist nur, was die Königsfamilie lesen will. Im Moment sollen laut ROG mindestens 30 Journalisten inhaftiert sein. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher. Vor allem weniger bekannte, kritische Internetblogger verschwinden häufig, ohne dass der Rest der Welt davon erfährt oder Notiz nimmt. Oftmals wissen nicht einmal die Angehörigen, was aus den Opfern geworden ist.

Der Journalist Turki Al-Dschasser ist nach ROG-Information im Gefängnis sehr wahrscheinlich an den Folgen der dort praktizierten Folter gestorben. Er wurde niemals angeklagt. Ein anderer aus der Branche, Fajes Bin Damach, stand kurz davor, in Kuwait einen Fernsehsender auf die Beine zu stellen. Seit fast zwei Jahren ist er wie vom Erdboden verschluckt. »Kuwaitischen Medien zufolge wurde er nach Saudi-Arabien ausgeliefert und dort ins Gefängnis gesteckt; offiziell bestätigt wurde dies nie«, so Reporter ohne Grenzen.

Nicht zu vergessen auch Wadschdi Al-Ghassawi. Der Mann war 2014 zu zwölf Jahren Haft und anschließenden 20 Jahren Berufsverbot verurteilt wurde. Als Gründer der religiös geprägten TV-Station Al Fajr legte er sich mit dem saudischen Königshaus an und beschuldigte die Prinzen und deren Diener, islamische Terrororganisationen zu unterstützen, vor allem Al-Qaida. Die Atmosphäre in Saudi-Arabien werde zunehmend radikaler. Wer den Mund aufmache, werde umgehend der Häresie beschuldigt, gleichgültig wie religiös fundiert die Kritik sei. Al-Ghassawi wurde deshalb wegen Unruhestiftung und Diffamierung des Staates angeklagt.

Es sind vor allem die moderaten Geistlichen, die dem in Glaubensfragen rigorosen Königshaus Angst machen. Die Macht der feudalistisch geprägten Herrscher fußt auf Erdöl und ihren Status als »Hüter« der Heiligen Städte Mekka und Medina. Immer mehr Imame bestreiten aber inzwischen den Anspruch der Königsfamilie, der sich auf den Wahhabismus stützt, einer Richtung innerhalb des sunnitischen Islam, der in Saudi-Arabien Staatsdoktrin ist.

Die internationale Öffentlichkeit schaut unterdessen meist tatenlos zu, wenn Saudi-Arabien die Pressefreiheit malträtiert. Schlimmer noch: Auf dem G-20-Gipfel der angeblich »20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern der Welt« am 28. und 29. Juni in Osaka wurde der Kronprinz von den meisten anderen Regenten freundlich hofiert. Donald Trump bescheinigte dem ganz in Weiß herumgeisternden Königserben, der auf dem offiziellen Protokollfoto in der Mitte plaziert wurde, einen ausgezeichneten Job zu machen. Der Reputation der Saudis auf diplomatischem Parkett scheint der barbarische Umgang mit den Medien – wenn überhaupt – nur geringen Schaden zuzufügen.

Aber es kommt für den einen schmutzigen Krieg im Nachbarland Jemen führenden Thronfolger noch besser: Der nächste derartige Gipfel findet in Riad statt. Es ist davon auszugehen, dass auch alle zum G-20-Klub gehörenden Staats- und Regierungschefs aus der westlichen Welt sich dort ein Stelldichein geben werden. Egal, wie viele saudische Journalisten bis dahin noch umgebracht werden oder hinter Gittern verschwinden.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. (10. Juli 2019 um 23:29 Uhr)
    "Wetten", dass Russland und China beim G-20-Gipfel in Riad "antanzen" werden! Vorbehaltlich es kommt zum Krieg gegen den Iran auf

    saudisch-israelisch-US-Initiative!

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