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Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Über allen Gipfeln ist Ruh’

Mein Blick auf die Literatur der Schweiz
Von Jan Decker
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Wenn ich hier von meinem Blick auf die Literatur der Schweiz berichten soll, so muss ich von meinen Begegnungen mit ihr erzählen. Es waren fünf prägende Begegnungen, und von ihnen soll dieser Text handeln. Da war zunächst also meine allererste Begegnung mit der Literatur der Schweiz, durch den Deutschunterricht an meinem Gymnasium vermittelt. Und da zeigte sich dem gelehrigen Schüler auch gleich, was von ihr schon zum Kanon gehörte und was nicht. Heute ist mir klar, dass an vorderster Stelle diese beiden Namen fallen mussten, und so fielen sie denn auch: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Aber zugegeben, sie langweilten mich etwas, das Identitätsproblem war mir bei Max Frisch zu omnipräsent und zu naiv behandelt, auch Dürrenmatt haute mich nicht vom Hocker, seine Krimis erschienen mir zu oberflächlich, seine Theaterstücke zu sehr aus der Luft gegriffen. Ja, als Leser konnten mich diese beiden eidgenössischen Superhelden der Literatur nicht begeistern.

Doch als angehenden Autor begeisterten mich Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt sehr wohl, und zwar zur gleichen Zeit. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, als Facharbeit im Französisch-Leistungskurs ein Theaterstück über die Französische Revolution zu schreiben. Und da merkte ich nun, dass ich gar nicht wusste, wie man Dramen schreibt, ich konnte sie nur analysieren. So geschah es, dass ich, angeregt durch einen Band mit Abiturwissen zum Thema Dramatik, plötzlich heftig und interessiert bei Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt nachschlug. Beide entpuppten sich auf dieser Wahrnehmungsebene als witzige und ausgebuffte Meister ihres Fachs, und so habe ich sie auch heute in Erinnerung: mehr als meine Ratgeber denn als meine Vorbilder. Die Literatur der Schweiz hatte mir zum ersten Mal imponiert, aber wie gesagt mehr durch ihr technisches Vermögen als durch ihre Eigenheiten, die es also noch zu erkunden galt.

Es folgten die Jahre meiner Schreibanfänge, in denen ich einen großen Bogen um die zeitgenössische Literatur machte, auch um die der Schweiz, und mich statt dessen ausgiebig durch das 19. und frühe 20. Jahrhundert schmökerte. Aus gutem Grund, denn ich wollte nicht plagiieren, sondern meinen eigenen Stil finden. Und diese alten Schinken würden mir kein Passepartout für die Gegenwartsliteratur liefern, bei aller Inspiration, die von ihnen ausging. Ich gebe zu, auf meiner privaten Leseliste stand kein einziges Buch aus der Schweiz. Nein, sämtliche Romane von Thomas Mann, die meisten Romane von Heinrich Mann, einige Romane von Klaus Mann, aber auch Robert Musils »Der Mann ohne Eigenschaften« standen auf ihr. Bis ich eines Tages das Radio einschaltete und in den Sog einer Lesung von Robert Walsers Erzählung »Der Spaziergang« geriet. Man müsste einmal untersuchen, was da auf neurologischer Ebene mit mir geschah. Jedenfalls wurde aus einem spontanen Interesse schnell eine Leidenschaft und schließlich ein Bekenntnis. Ich recherchierte, wann die Lesung im Rundfunk wiederholt werden würde, und diesmal trat ich mit einer Leerkassette bewaffnet an und schnitt die Lesung kurzerhand mit. Die Aufnahme dieser Lesung hörte ich dann immer wieder. Und diese Kassette liegt immer hinter mir, wenn ich schreibe, in der Kassettenkiste in meinem Rücken. Aber ich muss sie nicht mehr hören, weil sich Robert Walsers Erzählung »Der Spaziergang« tief in mir eingeprägt hat.

Diese Rundfunklesung war also meine nächste und diesmal noch folgenreichere Begegnung mit der Literatur der Schweiz. Ich glaube auch, dass diese Begegnung am meisten an die aktuelle Literatur anschließen kann. Ja, ich glaube, dass viele junge Autoren heute genauso nachhaltig wie ich von dieser Erzählung inspiriert wurden, zumal solche aus der Schweiz. Sie ist der Glücksfall einer Erzählung, die eine belehrende Kraft besitzt, ohne selbst belehrend zu sein. Mir zeigte sie, dass man auch von nichts erzählen kann, um vollendete Literatur zu schreiben. Gerade Robert Walsers Unverfrorenheit ist absolut aktuell, hier nicht von einem konkreten Ort oder einer konkreten Figur zu erzählen, sondern von Platzhaltern seiner individuellen Laune. »Der Spaziergang« ist eine Parabel auf den modernen Menschen im Gewand einer herkömmlichen Erzählung, und das ist einfach wunderbar! In ihrem Mittelpunkt steht aber auch ein ganz spezieller Mensch, ein Schweizer, ein durch und durch verschmitzter Zeitgenosse, der seinen Wahnsinn genau kontrolliert, und er balanciert diese heterogenen Kräfte aus, indem er sie kurzerhand in einen Wahrnehmungsmodus überführt. Sollte ich ihn Trance nennen oder Seelenruhe? Das war nun der eigentliche Kunstgriff der Literatur der Schweiz, der mir sehr imponierte und immer noch imponiert, auch weil er bis heute in vielen Texten aus der Schweiz nachweisbar ist: diese Seelenruhe vor erodierenden Gebirgsformationen zu entwickeln, also die innere Unruhe der Figuren oder des Erzählers einfach auf eine märchenhafte Landschaft umzulegen. Eine höchst effektive Dramaturgie!

»Der Spaziergang« lief für mich jedenfalls auch beim Lesen immer wie ein Tonband ab, das man auf halber Geschwindigkeit abspielt, oder wie der extrem vergrößerte Bildausschnitt eines Spielfilms, der aber nicht im Standbild verharrt. Diese literarischen Band- oder Videoeffekte, wie man sie nennen könnte, inspirierten mich sehr, so sehr wie nachher nur noch die Begegnung mit der japanischen Kultur. Und flugs landeten sie, ohne dass ich es recht bemerkte, in meinen ersten Texten, die mir nach langen Jahren der schriftstellerischen Erprobungen nun gelangen. Sie brachten mir dann einen Studienplatz am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) ein, neben Hörspielproduktionen bei SWR, WDR und RBB. Ich glaube, das taten sie, weil ich mich mit Robert Walsers »Der Spaziergang« beglückend identifizieren konnte, weil ich mich wie er auf einen Teilaspekt der erzählten Welt einließ, den berühmten Rest ignorierte und diesen Teilaspekt dann extrem vergrößerte. Die Literatur der Schweiz konnte mir also zum zweiten Mal helfen, nachdem sie mir schon in meiner Abiturzeit durch Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt das Handwerkszeug zum Schreiben von Dramen vermittelt hatte. Aber diesmal setzte sie mich wirklich auf die Autorenlaufbahn, und das werde ich ihr so schnell nicht vergessen.

Meine nächste Begegnung mit der Literatur der Schweiz fand in den nächsten Jahren am DLL statt. Sie war nun wirklich auch eine ganz andere Art der Beschäftigung mit ihr, nicht mehr nur angelesen, sondern leibhaftig, nicht mehr nur historisch, sondern ganz aktuell: In meinen Studienjahren dort waren auch junge Schweizer Autorinnen und Autoren unter meinen Kommilitonen, es waren die Jahre kurz vor der Gründung des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, und so wunderte ich mich eigentlich nicht darüber, dass Dorothee Elmiger, Roman Graf oder Judith Keller den weiten Weg aus der Schweiz nach Leipzig gekommen waren, um das Schreiben zu studieren. Denn es war doch selbstverständlich: Wenn sie dieselbe Not zu schreiben empfanden wie ich, dann würden sie an jeden Ort der Welt kommen, der ihnen das Stillen dieser Not garantierte. Ich will die Qualität dieser Begegnungen richtig einordnen, und dazu bedarf es der Feststellung, dass sich diese jungen Schweizer Autorinnen und Autoren gar nicht von den anderen Studierenden unterschieden. Sie erfüllten überhaupt kein Klischee über die Schweiz, waren nicht langsamer oder schrieben nicht umständlicher, keineswegs, sie waren genauso zupackend und schrieben genauso direkt wie wir. Ihre Texte prägten meinen Blick auf die aktuelle Literatur der Schweiz, sie zeigten mir, dass diese viel beweglicher und vielschichtiger ist, als man annimmt, ja dass es eben überhaupt eine aktuelle Schweizer Literatur gibt und nicht nur Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Eine Erkenntnis, die zum Beispiel an vielen deutschen Gymnasien noch nicht angekommen sein dürfte.

Eine konkrete Nähe zur Schweiz ergab sich in diesen Jahren für mich aber nicht, abgesehen von einer Korrespondenz mit dem in Basel lebenden Autor Gregor Szyndler, die mich aber doch erstaunte. Denn wir fanden rasch zu einem gemeinsamen Begriff von Literatur, zu Autoren, die wir beide wertschätzten. Und schnell war auch der Name Bertolt Brecht im Spiel, der in der Schweiz, wie ich nun begriff, nicht erst seit Max Frisch großgeschrieben wird. Ich begriff auch, dass es eine spezielle Schweizer Spielart jener Methode gibt, die Brecht als sein literarisches Hauptmerkmal entwickelt hatte: die Verfremdung. Allerdings verzichtet diese Schweizer Spielart der Verfremdung auf den kommunistischen Überbau. Warum sie das tut? Ich glaube, es hängt mit jener Seelenruhe vor erodierenden Gebirgsformationen zusammen, dem eigentlichen Kunstgriff der Literatur der Schweiz: Mit der Verfremdung kann sie sich perfekt verschwistern, um ihr Hauptanliegen umzusetzen, die eigene prekäre Seelenruhe in eine wahlweise märchen- oder alptraumhafte (Alpen-)Kulisse umzulegen.

Unterdessen war ich in diesen Studienjahren am DLL berufsmäßig oft im Südwesten Deutschlands unterwegs, um meine Hörspiele beim SWR in Baden-Baden an den Mann zu bringen oder in Karlsruhe mit einer Studentengruppe an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung ein interaktives Hörspiel auszuhecken. Und da machte ich wieder jene wohltuende Entdeckung der Langsamkeit, die ich schon bei Robert Walsers »Der Spaziergang« gemacht hatte: Dort im Südwesten Deutschlands ließ man es auch etwas ruhiger angehen, dort gewannen menschliche Begegnungen und künstlerische Projekte auch gleich ein tieferes Profil, weil der Faktor Zeit mitschwingen durfte. Ich glaube, aus der Langsamkeit ergeben sich interessante literarische Möglichkeiten, ob man diese nun als ein ästhetisches Verfahren oder als eine Art des Produzierens versteht. Entdeckte ich in jenen Jahren doch auch, dass es meinen Texten am besten bekommt, wenn ich sie in der ersten Fassung mit Stift und Papier entwerfe, anstatt sie wohlfeil in den Laptop einzutippen.

So war es auch kein Zufall, denke ich, dass ich in meinen Jahren als angehender Autor am DLL nicht im quirligen Berlin andockte oder im allzu satten München, sondern immer wieder in der geografischen wie soziokulturellen Nähe zur Schweiz. Die jungen Schweizer Autorinnen und Autoren strebten derweil in die andere Richtung, nach Leipzig oder Berlin, natürlich weil die Neugier auf sie dort größer war als zu Hause, so wie die Neugier auf mich ja auch im Südwesten Deutschlands größer war als in Leipzig. Die Gründe für diese Orts- und Richtungswahl sind vermutlich aber noch viel persönlicher anzusetzen. Ich glaube, dass die jungen Schweizer Autorinnen und Autoren damit einem Klischee der Schweizer Literatur entkommen konnten, das sie lähmte, das mich hingegen inspirierte und so einem anderen Klischee entkommen ließ, nämlich dem der deutschen Literatur.

Nach meinem Diplom am DLL mit einem Theaterstück geschah meine nächste Begegnung mit der Literatur der Schweiz, wiederum konkret, wiederum aktuell, wiederum mit merkantilen Vorzeichen. Ich erhielt zum ersten Mal ein Honorar aus der Schweiz, für einen Textabdruck, glaube ich, und fragte mich zuvor tagelang, wie das konkret ablaufen würde. Es kam dann einfach ein gewisser Geldbetrag in Euro auf meinem Bankkonto an, und in den nächsten Jahren erhielt ich immer öfter und irgendwann recht regelmäßig Honorare aus der Schweiz. Ich finde die Metapher der zwei Währungen für die Literatur der Schweiz relevant: Sie wird irgendwie in einer anderen Währung bezahlt, ich könnte jetzt pathetisch sagen, in der Währung der Literatur. Wichtig ist hier nur der Umstand, dass ich in diesen Jahren ja nicht wahllos Honorare aus aller Welt erhielt. Irgendwann musste ich sogar innerlich Stellung dazu beziehen, dass ich häufig Absagen aus Deutschland und Österreich erhielt und sehr häufig Honorare aus der Schweiz. Was war da los? War ich am Ende gar ein Schweizer Autor? Quatsch. Aber irgend etwas ließ mich mit meinen Essays, Erzählungen, Hörspielen und Artikeln andocken an die Literatur der Schweiz. Ich glaube, es war nichts anderes als jene Seelenruhe vor erodierenden Gebirgsformationen, diese von mir geteilte Disposition, menschliche Nöte in einen Wahrnehmungsmodus zu überführen und so ganz undeutsche Märchen zu erzählen.

Doch über solche Romantisierungen meines eigenen Schreibens hinaus muss ich schlichtweg feststellen: Die aktuelle Literatur der Schweiz ist sehr lebendig, sie investiert in Gegenwartsautoren aller Couleur und hält sich dabei nicht lange mit ihrer Herkunft auf! Das ist die große strukturelle Stärke der Literatur der Schweiz, finde ich. Oder man zieht es doch ästhetisch auf und formuliert diese Stärke als ein textliches Kriterium? Diese Seelenruhe vor erodierenden Gebirgsformationen könnte man ja auch ganz kühl als ein Talent zur Verfremdung bezeichnen, und das ist offenbar etwas, was man in Deutschland nicht so hat, was man nicht so mag: verfremden, ohne langweilig zu sein oder etwas zu wollen.

Meine jüngste Begegnung mit der Literatur der Schweiz ist schließlich eine, die die Rollen wieder umkehrt, denn seit einiger Zeit rezensiere ich aktuelle Schweizer Bucherscheinungen für diverse Zeitungen und Zeitschriften, und hier bin ich wieder der staunende Leser von einst. Ich merke immer noch, dass die aktuelle Literatur der Schweiz abwechslungsreicher ist, als man denkt, und dass sie dabei doch immer einen gemeinsamen Grundton anschlägt. Jürg Halters »Das 48-Stunden-Gedicht« etwa, mit Tanikawa Shuntaro verfasst, enthält aphoristische Verse von einfacher Schönheit. Dominik Riedos Roman »Das ungezähmte Seepferd« erzählt von einer eigenartigen Frau, die fast nur in ihren Gedanken dargestellt wird. Adolf Muschgs Erzählung »Der weiße Freitag« verbindet Goethes Furka-Durchquerung von 1779 ganz überraschend mit architektonischen Skizzen über Muschgs Wohnhaus. Franz Hohlers Lyrikband »Alt?« endlich macht aus seiner Mündlichkeit keinen Hehl, die salopp daherkommt, zumal es ja ums Älterwerden geht, aber doch fein gestaltet ist – was den Bogen vom Altmeister zu den jüngeren Schweizer Lyrikerinnen und Lyrikern wie etwa Ariane von Graffenried und ihren starken Sprechtexten »Babylon Park« schlägt. Und der gemeinsame Grundton? Nun, wenn ich die Summe all dieser Bücher aus der Schweiz ziehen müsste, so würde sie lauten: ein Talent zur Verfremdung bei einer gleichzeitig präzisen Sprache, was eine eigenartige Schwebe erzeugt, eine mich sehr anziehende Schwebe.

Wenn ich nun in meinem vor nicht allzu langer Zeit in der Schweiz erschienenen Roman »Der lange Schlummer« den Schriftsteller und Spätaufklärer Johann Gottfried Seume aus dem 18. Jahrhundert in unserer Gegenwart erwachen lasse, wo er zahlreiche Prüfungen bestehen muss, so weiß ich jetzt schon, dass man sich in Deutschland an dieser märchenhaften Konstruktion stoßen wird. Wo doch Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt schon zeigten, dass eine verfremdete Literatur nicht auf Aktualität verzichten muss, nur weil sie den Hebel an einer anderen Stelle ansetzt! Vielleicht liegt diese Stelle ja etwas unterhalb des Kopfes, der in Deutschland so viel zählt, vielleicht auf Seelenhöhe. Doch ich setze weiterhin auf Seelenhöhe und Seelenruhe. Mein Vorbild ist dabei exakt jene Seelenruhe vor erodierenden Gebirgsformationen, die für mich die Literatur der Schweiz so interessant und ergiebig macht. Wahrscheinlich ist sie die spektakulärste Kulisse für literarische Expeditionen überhaupt.

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, ­Essayist und Literaturwissenschaftler in Osnabrück. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 16./17. März die Kurzgeschichte »Der Freund«

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