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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 6 / Ausland
Chile Streik

Kämpfe vereint

In Chile solidarisieren sich Schüler und Studierende mit Lehrerstreik. Bergarbeiter einigen sich mit Unternehmen
Von Eleonora Roldán Mendívil, Santiago de Chile
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Streikende Lehrkräfte demonstrierten am 20. Juni in Santiago de Chile

»Gegen das Großkapital! Massenprotest!« steht an der Wand am Haupteingang der Universidad de Santiago de Chile. Es ist Donnerstag, der 27. Juni 2019. Überall liegt Tränengas in der Luft. Passantinnen und Passanten ziehen sich ihre Schals ins Gesicht. Links fährt ein Wasserwerfer auf eine Gruppe von Demons­trierenden zu, im Wasser befindet sich Tränengas. Wie schon in den letzten Tagen, haben sich die Studierenden auch an diesem Tag den Protesten der streikenden Lehrkräfte angeschlossen. Diese befinden sich seit dem 3. Juni im ganzen Land in einem unbefristeten Ausstand.

Die Demonstration ist eine spontane Antwort der Studierenden auf das Nichteinlenken der Regierung von Sebastián Piñera auf die Forderungen der Lehrer. »Die wichtigste Forderung ist die Zahlung der historischen Schulden. In den 1980er Jahren, mitten in der Militärdiktatur von Augusto Pinochet, wurden die Schulen unter Verwaltung der einzelnen Gemeinden gestellt. Zu diesem Zeitpunkt begann der Ausverkauf der Bildung und alle folgenden Regierungen haben die Marktbildung nur intensiviert. Bis heute sind Tausende Lehrerinnen und Lehrer gestorben, die auf die Zahlung dieser Schulden gewartet haben«, erklärt Carla Ramírez, Erzieherin aus Antofagasta im Norden des Landes gegenüber jW.

Auch gegen das Vorhaben des Bildungsministeriums, die Fächer Geschichte, Kunst und Sport als Pflichtfächer für die beiden letzten Jahre der Oberstufe abzuschaffen, wird gestreikt. Zudem organisieren sich die Schüler der Sekundarstufe. »Wir durchleben aktuell einen historischen Moment und wir Schülerinnen und Schüler können nicht einfach dabei zusehen«, so Colomba Ugarte im Gespräch mit jW. Die 17jährige Schülerin ist Teil eines mehrere Schulen im Bezirk Peñalolen umfassenden Plenums in der Hauptstadt Santia­go, dem Cordón Estudiantil Peña­lolen. Die Jugendlichen haben sich in den letzten Monaten als eigenständiges Bildungskollektiv zusammengefunden, um für Solidarität mit dem Streik der Lehrkräfte zu werben: »Wir gehen von Klasse zu Klasse und reden mit unseren Mitschülerinnen und Mitschülern. Was bedeutet es, heute eine schlechte Note in einer Klausur zu haben? Hier geht um etwas viel größeres. Hier geht es um unsere Bildung.«

Mit den landesweiten Protesten wird gegen die Neoliberalisierung der Bildung auf allen Ebenen gekämpft, auf die die chilenische Bildungsministerin Marcela Cubillos abzielt. Mit derartigem Widerstand hat sie jedoch nicht gerechnet. Vor allem kommen zu den streikenden Lehrkräften mit den Schülern und Studierenden weitere Sektoren hinzu. Zwischenzeitlich befanden sich sogar 3.200 von insgesamt 5.000 Bergarbeitern des Kupfertagebaus in Chuquicamata im Ausstand. Am Donnerstag (Ortszeit) wurde der Streik, der über zwei Wochen ging, nun beendet, so dass die Arbeiter ihre Arbeit am Freitag wieder aufnahmen. Nachdem das Angebot des staatseigenen Unternehmens Codelco vor zwei Wochen noch abgelehnt worden war, stimmte die Belegschaft nun einer Lohnangleichung von 1,2 Prozent, einer Einmalzahlung sowie besserem Gesundheitsschutz zu.

Wie Carla Ramírez gegenüber jW berichtete, war es während des Streiks zu praktischer Solidarität zwischen Lehrkräften und Bergarbeitern gekommen: »Wir haben vor einigen Tagen die Versammlung der Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter von Chuquicamata besucht und die Notwendigkeit aufgezeigt, die Kämpfe aller Arbeiterinnen und Arbeiter, aller Schülerinnen und Schüler und aller Lehrkräfte zu vereinen. Das hat dazu geführt, dass wir am Montag, den 24. Juni, gemeinsame Straßensperren in drei Teilen von Antofagasta und Calama koordiniert haben«. Ein Beispiel dafür, wie die Protestbewegung in Chile noch stärker werden kann.

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