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Aus: Ausgabe vom 25.06.2019, Seite 8 / Ausland
Friedensprozess in Kolumbien

»Wir wollen keine Hoffnungslosigkeit verbreiten«

Friedensprozess in Kolumbien: Trotz Angriffen der Regierung kämpfen soziale Bewegungen weiter. Ein Gespräch mit Gladys Rojas Sierra
Interview: Frederic Schnatterer
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In Kolumbien muss weiter für den Frieden gekämpft werden, wie hier während des nationalen Streiktags am 25. April 2019 in Bogotá

Sie sind gerade im Rahmen einer politischen Rundreise in Europa unterwegs, um über die Situation in Kolumbien aufzuklären. Um was geht es Ihnen dabei?

Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal die Gelegenheit, nach Berlin zu kommen. Schon damals habe ich meine Sorgen in Bezug auf den Friedensprozess in Kolumbien geäußert. In Deutschland und Europa wird davon ausgegangen, dass das Abkommen von 2016 das Ende des Konflikts mit sich gebracht habe. Für uns in den Regionen hat sich aber nicht viel dadurch geändert, sondern der Krieg ging genauso weiter.

Woran liegt das?

Bei den Verhandlungen zwischen der Regierung und der damaligen Guerilla FARC-EP hat ein wichtiger Teil gefehlt, nämlich wir, die Gemeinden. Es war immer das einfache Volk, das am meisten vom Konflikt betroffen war. Daher haben wir auch immer gefordert, dass es einen Platz am Verhandlungstisch bekommen müsse.

Außerdem hat die Regierung schon zu Beginn der Verhandlungen festgelegt, dass das Wirtschaftsmodell nicht zur Debatte steht. Für uns ist allerdings klar, dass ein wirklicher Frieden auch damit verbundene Themen angehen muss, wie wirtschaftliche Ausgrenzung und Ungleichheiten. Trotzdem haben es die FARC geschafft, einige wichtige Punkte auf die Agenda zu setzen.

Von diesen ist heute allerdings nur noch wenig geblieben. Wie kam es dazu?

Erst kam die Abstimmung über den Friedensvertrag, bei dem das »Nein«, also die »Feinde des Friedens«, gewonnen haben. Diese Leute haben ein Interesse daran, dass der Krieg weitergeht. So konnten sie Hand an das Abkommen legen und den Vereinbarungen ihre Essenz nehmen.

Der zweite Einschnitt war die Präsidentschaftswahl 2018, die die Ultrarechte gewinnen konnte. Iván Duque (aktueller Präsident Kolumbiens, jW) ist mit einem Kriegsplan angetreten. Er erkennt nicht einmal die Existenz eines politischen, sozialen und bewaffneten Konflikts im Land an. Vielmehr geht er von einzelnen illegalen Elementen – Kokaanbau, illegaler Bergbau und Kriminalität – aus. Das ist fatal und hat konkrete Auswirkungen auf die Umsetzung des Friedensabkommens.

Was bedeutet das für die Situation im Land?

Unter anderem, dass sich die Regierung einer politischen Lösung des Konflikts verweigert. Darunter fällt der Abbruch der Friedensverhandlungen mit der ELN-Guerilla (Nationale Befreiungsarmee, jW). Zuvor hatte die ELN mehrmals eine einseitige Waffenruhe durchgeführt, was für die Gemeinden eine große Erleichterung darstellte. Vor allem in Regionen wie dem Süden von Bolívar, aus der ich komme, wo die ELN historisch präsent ist. Jetzt erleben wir, dass die ELN wieder zu Militäroffensiven übergegangen ist. Gleichzeitig setzt die Regierung auf eine totale Militarisierung der Territorien. So haben wir 4.000 Soldaten nur bei uns in der Region. Das heißt: Was uns die Regierung anbietet ist Krieg – und wir als Gemeinden stehen zwischen den Fronten.

Auch die Kriminalisierung der sozialen Proteste nimmt unter Duque zu. Schon 700 soziale Aktivisten sind umgebracht worden, 134 ehemalige FARC-Kämpfer und 30 ihrer Familienangehörigen wurden getötet. Das Fehlen von ausreichendem Schutz für die demobilisierten Kämpfer birgt das Risiko, dass die sich wieder dem bewaffneten Kampf anschließen.

Wie kann es in dieser Situation jetzt weitergehen?

Wir wollen keine Hoffnungslosigkeit verbreiten. Es stimmt, dass wir wieder am Punkt Null angelangt sind. Aber wir sind fest dazu entschlossen, Widerstand zu leisten, zu gestalten und mit anderen zusammenzukommen. Das Panorama erscheint manchmal hoffnungslos. Aber ich glaube, dass gemeinsames Handeln und Erträumen von neuen Möglichkeiten uns dabei helfen voranzuschreiten. Und in Kolumbien machen wir weiter und kämpfen weiter für Land und Leben. Wir werden nicht zulassen, dass die Anderen siegen.

Gladys Rojas Sierra ist Menschenrechtsverteidigerin und bei der Organisation »Corporación Sembrar« verantwortlich für die Rechte von Kleinbauern.

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