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Von Gabriele Damtew
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»Schreib, es war einfach schön«

Am frühen Samstag nachmittag brennt die Sonne erbarmungslos auf den graugrünen Kunstrasen der »Wrangelritze«, wie sich die Spielstätte des Kreuzberger Fußballvereins Hansa 07 Berlin nennt. Erschöpft angekommen, werde ich augenblicklich in die quirlige, doch entspannte Turnierstimmung hineingesogen. Hier wird der zweite ­AFFI-Cup Berlin ausgetragen, zu dem sich 15 hiesige Teams und eines aus St. Pauli gemeldet haben.

AFFI steht für Antifaschistische Fußballfaninitiative, und was draufsteht, ist auch drin. Janusz (der radsportaffine Autor dieser Zeitung) ist ein Urgestein der AFFI-Szene. Noch verschwitzt vom letzten Spiel für sein Team Gesellschaftsspiele erzählt er von den Anfängen in den Nachwendejahren, als es sich gegen aufkommende rassistische und rechtsextreme Tendenzen in den Fanlagern zu positionieren galt. Tanja, die engagierte Mitorganisatorin des Cups, versteht AFFI als »loses Kollektiv«, offen, solidarisch, politisch; und dieses Fußballturnier dann eben auch als politische Veranstaltung. Welche Leidenschaft dazugehört, spricht aus den Gesichtern der beiden und ihren Gänsehautmomenten beim Erzählen.

Tanja macht mich mit zwei starken Frauen bekannt: Nico und Hagar arbeiten als ehrenamtliche Coaches (insgesamt sind es ihrer fünf) für den FC Lampedusa St. Pauli. Sie hatten 1990 die Frauenabteilung bei Pauli gegründet, indem sie den nicht gerade begeisterten männlichen Vereinsvertretern mitteilten: »Wir sind jetzt da.« Unterton: Und bleiben. Glaub ich ihnen aufs Wort. Unter demselben Motto boten sie 2015 ein Fußballtraining für Interessierte unter den sogenannten Lampedusa-Geflüchteten an, die schon zwei Jahre für ihr Bleiberecht kämpften. 20 kamen. Kadir ist seitdem dabei und Mohamed kam 2016 über ein Integrationsprojekt dazu. Zur gleichen Zeit »adoptierte« der FC St. Pauli das Refugeeteam offiziell. Spenden kommen aus dem Sozialtopf der »Kiezhelden« vom Millerntor.

Jetzt aber zum Turnier. Im fliegenden Wechsel spielen die Mannschaften (sechs gegen sechs) auf zwei Halbfeldern ganz ohne Schiri je zehn Minuten, die bei dem Wetter für manchen Aktivisten recht lang werden. Anders in den Halbfinals. Lampedusa verliert im Neunmeterschießen gegen die spielerisch unterlegene Tschaika Leningrad aus Friedrichshain (aber Superkeeper), setzt sich dann jedoch mit 1:0 im Spiel um Platz drei gegen Türkiyemspor durch.

Zweiter Finalist nach Tschaika ist Champions ohne Grenzen (CHOG), das Refugeeteam von Gastgeber Hansa. Blöderweise frage ich die Spieler vorm Finale, wo sie so herkommen. »Ist bei uns egal«, sagt Momo. Womit er recht hat. Das einzige, was ich identifizieren kann, ist der niederländische Akzent von Trainer Stijn. CHOG gewinnt trotz wiederum toller Torwartleistung 1:0. Torschütze ist der für mich beste Feldspieler des Turniers. Ich rufe Momo zu, wie denn der Torschütze heiße. »Mussa, aber für uns Balotelli.«

Mit den vielen Eindrücken und Infos im Kopf habe ich keine Ahnung mehr, was ich schreiben soll. Der ehrenamtliche Doc steckt mir zu: »Schreib, es war einfach schön.«

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