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Höhlenlärm

Von Rafik Will
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Möglicherweise lauter, als man meint

Ein Hörspiel über Lärm ist eine geniale Idee: Radiophone, aber auf Dauer nervende Störgeräusche werden der Hörerschaft nicht direkt zugemutet, sondern als Betrachtungsgegenstand abstrahiert. Eben das hat Rebekka David in »Franz Kafka – Der Bau« (DLF/HfS Ernst Busch 2018; Di., 20.10 Uhr, DLF) letztes Jahr getan. Das Hörspiel greift auf die Erzählung Franz Kafkas zurück. Ich-Erzähler ist ein geräuschempfindlicher Höhlenbewohner, der sich eines Tages durch nicht zu ortenden Krach in seiner Ruhe gestört fühlt. Das unter der Erde in absoluter Dunkelheit lebende Wesen dreht wegen der Soundinvasion durch, rennt durch die Gänge seiner Behausung und entschließt sich am Ende, die Vorräte aufzufuttern. Der Monolog der Erzählung wird mit Briefen von Kafka gegengeschnitten, was ein wunderbar rundes Psychohörspiel ergibt.

Als 2014 die Ebola-Epidemie ihren Höhepunkt hatte, lief bereits seit vier Jahren die TV-Serie »The Walking Dead«, in der Viren verantwortlich für die Zombifizierung sind. Die Angst vor dem kranken Anderen wurde 2014 auch zum Ausgangspunkt kurzlebiger Fantasyserien wie »The Strain« oder »Helix«, was Medien veranlasste, die reale Ebola-Epidemie in Artikeln mit filmischen Phantasien abzugleichen. Einen realistischeren Ansatz wählte Rainer Merkel für sein Hörspieldebüt »Peace Island« (NDR 2019; Ursendung Mi., 20 Uhr, NDR Kultur). Er thematisiert Ebola selbst, lässt eine kleine Gruppe Europäer nach Westafrika reisen und schildert den Selbstdarstellungswahn der Helfenden und deren zunehmenden Verlust an Rationalität. Dass bei Merkel nicht die Kranken als »das Andere« erscheinen, sondern die angereisten Ärzte, NGO-Gründer oder Journalisten sich selbst und dem Zuhörer zunehmend fremd werden, macht die nicht zuletzt in ihrer Soundgestaltung anspruchsvolle Sendung bemerkenswert komplex.

Einen Beitrag zur Entideologisierung des Westerns hat vor zwei Jahren Simon Werle mit seinem Hörspieldebüt »Kahnawake« (SWR 2017; Do., 18.20 Uhr, SWR 2) vorgelegt. Der Hauptstrang der Handlung zeigt die Emanzipationsgeschichte einer jungen Ordensschwester, die Zuflucht bei ihren irokesischen Nachbarn sucht. Die Grenzlinien zwischen Franzosen, Engländern und Irokesen sind fluide gestaltet, und jeder der beteiligten Gruppen wird das Potential zu zivilisiertem Handeln zugesprochen. Klanglich reizvoll sind die repetitiven Trommelrhythmen und die Dialoge in indigener Sprache.

Ansonsten sind die Preisträger des Günter-Eich-Preises 2019 An­dreas Ammer und FM Einheit sehr präsent im Radio mit: »Crashing Aero­planes« (WDR/DLR Berlin 2001; Fr., 22 Uhr, RBB Kultur),  »Sie sprechen mit der Stasi« (WDR 2017; Sa., 19 Uhr, WDR 3, und So., 17 Uhr, WDR 5) und »Auf der Straße nach Mendocino« (WDR 2008; Mo., 22 Uhr, MDR Kultur), auf das ab 22.50 Uhr die Dankesrede zur Verleihung des Kriegsblindenpreises 2002 für »Crashing Aeroplanes« folgt.

Nicht verpassen sollte man Sandra Hüllers Performance in Lukas Holligers »Silberne Hochzeit« (SRF 2004; Sa., 20 Uhr, SRF2 Kultur). Von Holliger kommt außerdem der Abschluss der exzeptionellen Krimitrilogie um Ermittler Glut:  »Verfluchtes Gift« (SRF 2019; Ursendung So., 17 Uhr, SRF2 Kultur). Und am späten Abend bringt Radiogenie Marold Langer-Philippsen sein  »Stimmen/Schatten/Maschinen (oder Der Klang der Gesellschaft)« (Eigenproduktion 2019; Ursendung So., 23 Uhr, ORF Ö1) zu Gehör.

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