Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. Juli 2019, Nr. 166
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Auf allen Ebenen

Berthold Seligers Buch »Vom Imperiengeschäft«
Von Ulrich Kriest
Lollapalooza_2018_58645824.jpg
Wenn die Kunst auf der Strecke bleibt: Lollapalooza-Festival

Um es mal mit Superpunk zu sagen: »Ich bin kein Ignorant, ich bin kein Idiot«, aber: Sofern nicht im Auftrag, besuche ich keine Musikfestivals. Habe ich nie, werde ich nie. Schon deshalb, weil ich meine Unterhaltung nicht gern von sich ihrer Offenheit rühmenden Gemischtwarenhändlern kuratieren lasse, die mir dann Jamie Cullum und Lenny Kravitz als Jazz andrehen wollen. Ich höre ja schließlich auch keine Playlists. Ich besuche freiwillig auch keine Stadion- oder Großhallenkonzerte, weil ich ganz gut ohne Phil Collins, AC/DC, Die Toten Hosen, Kraftwerk, Grönemeyer, Rammstein, Udo Lindenberg, Jan Delay oder Madonna über die Runden komme.

Ehrlich gesagt, macht es mich schon etwas misstrauisch, ein ausverkauftes Klubkonzert zu besuchen. Zumeist habe ich die Sachen, die mich interessieren, ja auch schon gesehen, als noch 30, 40, 50 Leute zu den Konzerten kamen. Und habe anders als James Murphy von LCD Soundsystem auch keine Angst of »Losing My Edge« durch die »Kids from the Internet«. Überdies schreibe ich jetzt schon ziemlich lange über Musik und habe für Konzertbesuche ewig und drei Tage keinen Eintritt mehr gezahlt. Und schließlich: Ich zelte prinzipiell nicht, weshalb mich auch der gegenkulturelle Woodstock-Mythos ziemlich kalt ließ, als der Film seinerzeit in Kiel so um 1974 herum im Kino lief. Und, ach so, ich habe auch »Brea­king Bad« nicht gesehen, weshalb ich mir von Berthold Seliger erst mal erklären lassen musste, was Walter White meint, wenn er sich im »Imperiengeschäft« tätig weiß.

Man sieht, man kann sich aus dem echten Abseits einem Buch nähern – und trotzdem Spaß bei der Lektüre haben. Und jede Menge originelles und glänzend aufbereitetes Material an die Hand bekommen, das einen sehr weiten Bogen schlägt vom Monterey Pop Festival 1967 bis in die Gegenwart, um zu zeigen, wie ein gegenkulturelles Paradigma in einigen Jahrzehnten Neoliberalismus bei gleichzeitiger Digitalisierung auf eine Weise komplett durchkommerzialisiert worden ist, dass der provokante Vergleich von Drogenhandel und Konzert- und Festivalbranche durchaus tragfähig erscheint.

Es geht längst nicht mehr darum, welche Ware man vertickt, sondern um die Errichtung möglichst umfänglicher Monopole, um Marktdominanz, bestenfalls im Zeichen »vertikaler und horizontaler Profitmaximierung«. Im Falle der Konzert- und Festivalbranche handelt es sich, so Seliger, um die AEG (Anschutz Entertainment Group), CTS Eventim und Live Nation, die die Eventindustrie in gewisser Weise kapitalistisch umgekrempelt haben und bis in kleinste Nischen die Spielregeln der Musikkultur, wie wir sie noch kannten und durchaus schätzten, verändert haben. Weil sich die Eventindustrie zum Objekt des Mehrwertheckens von Hedge- und Private-Equity-Fonds verändert hat, vollzieht sich ein Strukturwandel hin zum Profit, weg von der Kunst.

Seligers Befund ist ernüchternd: »Das Konzertwesen, selbst das Live-Geschäft, ist mittlerweile von der Musik vollkommen abgekoppelt.« Minutiös und mittels einer Vielzahl von Zahlen und Daten und voller glänzend gesetzter Pointen, bei denen ihm gerne mal Marx, Adorno oder Mark Fisher zur Seite stehen, zeichnet Seliger, bekanntlich selbst Konzertveranstalter, ein drastisches Bild dieses Strukturwandels. Die Eventisierung des Konzertbetriebs geht gewissermaßen mit einer Gentrifizierung des Konzertortes einher. Wer bereit und in der Lage ist, 1.000 Euro zu berappen für einen Platz direkt vor der Bühne von Beyoncé oder den Rolling Stones, der feiert eher sich selbst als die dargebotene Kunst. An anderer Stelle berichtet Seliger von den Profitraten beim Zwischenhandel mit Tickets, von völlig überteuerten Bearbeitungsgebühren, von »Big Data« und der bargeldlosen Abwicklung eines Festivalbesuchs: »Es geht um die vielfältigste Monetarisierung des Klientenstamms auf allen Ebenen des Imperiengeschäfts.«

Zum Eventcharakter passt auch, dass Festivals frühzeitig mit den jeweiligen Line-ups hausieren gehen und gerne mit einem Ensemble von großen Namen auftrumpfen. Da ist es dann von Vorteil, wenn man einen der wenigen verbliebenen Marktführer der Unterhaltungsindustrie mit an Bord hat, um über dessen »Artist roster« verfügen zu können. Was bei den 360-Grad-Angeboten im Eventbereich inklusive Konzeption, Organisation, Marketing, Sponsoring, Merchandising und Zurichtung von Konsumenten des Immergleich-Systemkonformen auf der Strecke bleibt, ist das, worum es gehen sollte: die Kunst, das kenntnisreich und neugierig zusammengestellte, überraschende Programm, die Nachwuchsförderung, der geduldige Aufbau von Künstlern, ein gendersensibles, um Parität bemühtes Programm, die Graswurzel-Klubkultur.

Seliger kontextualisiert seine Kritik am Imperiengeschäft, indem er beispielsweise einen durchaus differenzierten historischen Panoramaschwenk der Festivalgeschichte integriert: von Monterey Pop über Woodstock, die Essener Songtage, Lollapalooza, Coachella, Roskilde bis hin zum leicht surrealen Burning-Man-Festival in der Wüste Nevadas. »They can’t take away our music«, sangen einst Eric Burdon and War. Tja, denkt man bei der Lektüre von Seligers Buch, aber alles andere wohl schon. Mitunter schlägt das tiefschwarze Szenario Seligers um in blanke Satire, wenn er etwa beschreibt, wie an staatlichen Popakademien kreuzbrave Popmusik gelehrt wird, die dann von anderswo ausgebildeten »Kulturmanagern« ebenso brav ins System eingespeist wird. Das ist die andere Seite der Medaille, weshalb es auch um Mindestgagen, prekäre Lebensverhältnisse freier Musikerinnen und Musiker sowie »Kulturortschutz« gehen muss. Schließlich gilt noch immer, was der Musiker Andreas Spechtl (Ja, Panik et al.) einmal zu Protokoll gegeben hat: »Ich habe bestimmt nicht mehr Geld als eine Verkäuferin, aber ich habe ein anderes Leben.« An beide Aspekte dieses Satzes gilt es anzuknüpfen.

Abgesehen davon, dass uns »Vom Imperiengeschäft« einiger Mythen beraubt und auf den aktuellen Stand bei einem Segment der Kulturindustrie bringt, sollte man auch Seligers konstruktive Vorschläge wie etwa die gewerkschaftliche Organisation von Musikern, eine feste Frauenquote auf Festivals oder die Zerschlagung großer Ticketfirmen bedenken. Und: Nach diesem Buch wird man nie wieder einen Konzert- oder Festivalbericht ernst nehmen können, der lediglich von der Musik erzählt.

Berthold Seliger: Vom Imperiengeschäft. Edition Tiamat, Berlin 2019, 344 Seiten, 20 Euro

Mehr aus: Feuilleton