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Aus: Ausgabe vom 18.06.2019, Seite 8 / Ansichten

Knabe des Tages: Helge Heidemeyer

Von Sebastian Carlens
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Wachablöse im deutschen Disneyland des Grauens, der »Stasi-Gedenkstätte« Berlin-Hohenschönhausen: Ab Herbst erhält die Stiftung einen neuen Chef. Nötig geworden ist das, weil sich der Stellvertreter des entlassenen Direktors Hubertus Knabe, Helmuth Frauendorfer, als notorischer Wüstling entpuppte. Beide hatten in dem ehemaligen Gefängnis, durch das Schulklassen im Schichtbetrieb geschleust werden, eine Art misogynes Schreckensregime errichtet: Mitarbeiterinnen klagten über eine »Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster«, die Frauendorfer an den Tag gelegt und Knabe gedeckt haben soll.

So weit, so widerlich – doch die Funktion, die die Gedenkstätte zu erfüllen hat, ist wichtiger als die Notgeilheit ältlicher Berufsdissidenten. Es gilt, künftigen Generationen einzubleuen, wohin Engagement links von der SPD führen muss: Sozialismus! Stalinismus! Stasi! Der schauderhafte Themenpark gehört zum Kern des antikommunistischen Bildungsauftrags.

Nun zum Neuen: Helge Heidemeyer, Wessi, Mann, hat sich gegen 29, darunter neun weibliche, Bewerber durchgesetzt. Letzteres ist verständlich, niemand bei Verstand kann in Erwägung ziehen, noch einmal Frauen in Frauendorfers Lustverlies zu schicken. Auch die fehlende biographische Verbindung zur DDR, die Heidemeyer mit seinem Vorgänger teilt, ist förderlich, schließlich muss den Ostdeutschen erklärt werden, wie falsch 40 Jahre ihres Lebens gewesen sind – das kann einer, der 1963 in Remscheid geboren wurde, am besten. Heidemeyer hat sich seine Sporen als Leiter der »Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde« verdient, seit 2008 ist er Abteilungsleiter in der »Stasi-Unterlagen-Behörde«. Ein urdeutsches Universitätsgewächs, vom Linken-Kultursenator Klaus Lederer als »erfahrene Persönlichkeit« gehypt.

Stoff genug für ganz viele Glossen. Da ist sich die junge Welt sicher.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dr. Ralf Hohmann, München: Garant des Kulturwandels »Stoff genug für ganz viele Glossen«, befürchtet Sebastian Carlens und liegt damit richtig. Der Kultursenator und Vorsitzende der ehrenwerten »Stiftungsrates der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen«,...

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