Gegründet 1947 Freitag, 19. Juli 2019, Nr. 165
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.06.2019, Seite 6 / Ausland
Kirchenstreit Montenegro

Mit Gebeten und politischem Druck

Montenegro will Eigentum der Serbisch-orthodoxen Kirche in Staatsbesitz überführen
Von Roland Zschächner
RTXAHF4.jpg
Befürchtet Enteignung von Kircheneigentum: Amfilohije Radovic, serbisch-orthodoxer Erzbischof in Montenegro (Belgrad, 11.11.2008)

Am Samstag haben sich Tausende Menschen vor der Kathedrale der Auferstehung Christi in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica versammelt, um gegen ein geplantes Gesetz zur Religionsfreiheit zu protestieren. Mit diesem solle die Serbisch-orthodoxe Kirche (SOK) enteignet werden, warfen die Kirchenoberen dem Kabinett von Premierminister Dusko Markovic vor. Der Erzbischof von Cetinje, Amfilohije Radovic, attackierte bei der Versammlung die Staatsführung. Diese habe alles im Land verkauft, nun wolle sie »das Kircheneigentum beschlagnahmen, um es unter ihrer Mafia aufzuteilen«.

Die von der Regierung eingebrachte und von dieser bereits Mitte Mai beschlossene Gesetzesvorlage sieht vor, dass der Kirchenbesitz, der bis 1918 Eigentum des Königreichs Montenegro war, an den Staat überführt werden muss. In jenem Jahr ging die eigenständige Nation in dem neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen auf, das später den Namen Jugoslawien erhielt. Laut dem Gesetzesvorhaben sollen zudem alle nach 1918 erbauten Kirchen an den Staat übertragen werden. Ausgenommen ist lediglich der Besitz, dessen Eigentümerschaft die SOK belegen könne. Radovic erklärte am Samstag gegenüber dem serbischen Fernsehsender RTS, die SOK habe Dokumente aus dem Jahre 1919, die beweisen würden, dass bis auf eine einzige Kapelle in einem Krankenhaus alle Kirchen in Montenegro ihr gehörten. Dieses werde über ausländische Medien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, kündigte der Erzbischof an. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic hatte das Vorhaben der Regierung in Podgorica am Donnerstag verurteilt und diese aufgerufen, das Gesetz zur Religionsfreiheit zurückzunehmen. Andernfalls würden die stabilen Beziehungen zwischen den Nachbarländern »unzweifelhaft beschädigt«, denn es gebe weder eine Metropolie noch ein Patriarchat in Montenegro, sondern nur die Serbisch-orthodoxe Kirche.

Der Streit um das Kircheneigentum hat eine lange Geschichte. Das Bistum Cetinje ist Teil der SOK, deren Patriarch seinen Sitz in Belgrad hat. Bis 1918 bestand eine eigenständige Montenegrinisch-orthodoxe Kirche (MOK), die mit der Gründung des Vielvölkerstaats in der SOK aufging. Mit der blutigen Zerschlagung des sozialistischen Jugoslawiens entwickelte sich auch in Montenegro eine separatistische Bewegung. 1993 wurde die MOK wiedergegründet, seit 2007 bezeichnet sie sich als autokephal, also eigenständig. Sie vertritt trotz staatlicher Unterstützung lediglich einen kleinen Teil der Gläubigen, auch weil sie von der orthodoxen Welt nicht anerkannt wird und als schismatische Gruppe gilt. Am 21. März 2006 stimmten die Montenegriner über ihre staatliche Eigenständigkeit ab. 55,5 Prozent der Wähler sprachen sich für die Loslösung von der Bundesrepublik Jugoslawien aus. Dem vorangegangen war ein von der Führung des Landes unter dem derzeit amtierenden Präsidenten Milo Djukanovic forciertes »Nation building«-Projekt: So wurde unter anderem Montenegrinisch zu einer eigenen Sprache erklärt und zur Amtssprache erhoben. Dafür wurden dem Alphabet eigens zwei neue Buchstaben hinzugefügt.

Die Gegenposition dazu ist, dass die Montenegriner zur serbischen Nation gehörten. Für Anhänger dieses Standpunktes ist die SOK ein Wahrer der eigenen Identität. Dies wird wiederum von Vertretern der Regierung als Spaltung der Nation und als Einfallstor für Einmischungen aus Belgrad gesehen und deswegen bekämpft – vor allem seitdem Djukanovic dem Land die »euro-atlantische Integration« verordnete. 2017 wurde Montenegro Mitglied der NATO, eine Aufnahme in die Europäische Union wird angestrebt.

Ähnliche:

  • Vergegenwärtigte Vergangenheit: Ein Trauerzug folgt am 17.1.2018...
    24.06.2019

    Kriegszustand aufgehoben

    Chronik eines Überfalls (Teil 41 und Schluss), 24.6.1999: Jugoslawien will wieder in die UNO, Berlin bekommt ein Betonwerk der Betroffenheit
  • Flüchtlinge aus dem Kosovo an der Grenze zu Mazedonien, April 19...
    20.06.2019

    Massenflucht aus dem Kosovo

    Chronik eines Überfalls (Teil 40), 20.6.1999: NATO-Sprecher Jamie Shea vergleicht den Krieg mit einem Fußballspiel
  • Erste russische Einheiten der sogenannten Kosovo-Sicherungstrupp...
    11.06.2019

    Die Russen kommen

    Chronik eines Überfalls (Teil 38), 11.6.1999: Moskaus Coup im Kosovo

Mehr aus: Ausland