Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 29.06.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Méchouia (vegan)

Von Maxi Wunder

Wie die Spitze eines Korkenziehers bohrt sich das kleine Tunesien zwischen Algerien und Libyen in den nordafrikanischen Kontinent. Die tunesischen Weine sind gut. 20.000 Menschen arbeiten im Weinbau, die Branche wächst, genau wie der Tourismus. Dennoch sind offiziell 14 Prozent arbeitslos, unter Schulabgängern sogar 20 Prozent, hin und wieder wird das als Ursache für den Erfolg des IS erwähnt.

Ein anderer vermeintlicher Ausweg aus der Misere ist der Sextourismus. In Houmt Souk zum Beispiel, Hauptstadt der tunesischen Ferieninsel Djerba, wandeln schlanke Berber mit deutlich älteren, dicken blonden Frauen Hand in Hand durch Straßen und Geschäfte oder brausen auf Mofas dahin, er am Steuer, sie verliebt an seinen Rücken geschmiegt.

Was arabischen Frauen verboten ist, Prostitution, wird von tunesischen Männern ohne moralische Bedenken praktiziert. Die Sache ist ihnen erlaubt, nur das Wort ist tabu. Hier heißt diese Erwerbstätigkeit nicht Prostitution, sondern »Bezness«, ein Wortkonglomerat aus dem englischen »Business« und dem französischen »baiser« (zu deutsch »bumsen«). Wer im »Bezness« tätig ist, gilt unter vielen Landsleuten als Glückspilz.

An einem Strand auf Djerba lerne ich Helga (Name geändert) aus Mönchengladbach kennen, die sich vor einigen Jahren auf der Insel niedergelassen hat. Das rheumafreundliche Mittelmeerklima und die vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten hatten sie überzeugt. Vom Bezness hält die üppige Mitsechzigerin nicht viel: »Die alten Weiber aus Deutschland und der Schweiz erleben hier ihren zweiten arabischen Frühling«, erklärt sie mir. »Aber es ist doch sonnenklar: Die jungen Kerle wollen dein Geld, nicht dich. Solange du zahlst, bist du seine Prinzessin, aber wehe, das Portemonnaie geht zu, dann ist der ganz schnell weg, und dann geht das Geheule los.«

Wir beschließen, etwas essen zu gehen. »Du gehst ja ziemlich aus dem Leim, Maxi«, sagt Helga, »ich bestell uns mal eine Méchouia, das ist ein Salat aus geröstetem, scharfem Gemüse. Gut für deine Linie. Okay?« Meine innere Empörung überspiele ich mit geheucheltem Interesse an dem Rezept. »Ganz einfach, du brauchst Tomaten, Paprikaschoten, Chilischoten, gehackten frischen Knoblauch, frisch gehacktes Koriandergrün, Salz, gemahlenen weißen Pfeffer, gemahlenen Kreuzkümmel und Olivenöl.

Den Backofen heizt du auf 180 Grad oder Stufe vier vor und röstest darin Tomaten und Paprika etwa 20 Minuten lang, bis die Haut der Paprika schwarz wird und Blasen wirft. Dann wickelst du die Schoten in eine Plastikhülle und lässt sie 15 Minuten auskühlen, Haut und Kerne entfernen. Jetzt häutest du die Tomaten.

Das Öl erhitzt du in einer Kasserolle und lässt die Tomaten mit Knoblauch darin etwa 15 Minuten zu einem Püree köcheln. Paprikafleisch und Chilischoten schneidest du in kleine Stücke und rührst sie in das Püree. Koriander, Paprika, Salz und Pfeffer dazu, das ganze 20 Minuten lang unter gelegentlichem Rühren garen lassen.
Wenn die halbe Garzeit um ist, gibst du Kreuzkümmel dazu. Dann lässt du die Méchouia abkühlen und servierst sie mit reichlich frischem Baguette.«

Helga ist übrigens fetter als ich.

Regio:

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