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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Serbenhatz im Kosovo

Chronik eines Überfalls (Teil 39), 15.6.1999: NATO lässt die UCK gewähren
Von Rüdiger Göbel
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Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sind bereits in den ersten Tagen der NATO-Besatzung mehr als 40.000 Serben geflohen

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Der Einmarsch der NATO-Truppen im Kosovo verläuft »nach Plan«, lässt der Sprecher der Kriegsallianz wissen. In der Stadt Prizren im Zentrum der deutschen Besatzungszone haben bereits mehr als 300 UCK-Kämpfer unter Duldung der Bundeswehr die Kontrolle über den Busbahnhof und mehrere Stadtviertel übernommen. Wie AFP meldet, durchsuchen sie Häuser und Fahrzeuge serbischer Zivilisten. »Harte Zeiten für die Serben, die hier bislang das Sagen hatten«, so die Agentur. Als Erkennungszeichen tragen die albanischen Gewaltseparatisten gelbe Armbinden. Sie agieren ganz offensichtlich mit Zustimmung der NATO-Besatzer. »Die Arbeitsteilung funktioniert«, meldet der französische Korrespondent.

jW-Kommentator Werner Pirker erinnert: »Die deutsch-albanische Kooperation hat auch im Zweiten Weltkrieg funktioniert. Damals freilich standen die albanischen Faschisten (Balisten) im Sold der Wehrmacht. Nun scheinen eher die Deutschen zu willigen Helfern bei der Durchführung ethnischer Säuberungen zu werden.«

Auch in anderen Teilen der Provinz fassen die UCK-Männer mit dem Vorrücken der NATO Fuß. Jugoslawischen Angaben zufolge sind sieben Serben von der Miliz getötet worden. Eine britische KFOR-Einheit teilt wiederum mit, eigene Soldaten seien von mutmaßlichen UCK-Kämpfern beschossen worden. Fünf von ihnen seien schließlich in einem Haus entwaffnet und verhaftet worden, in dem ein Serbe getötet worden sei.

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Die UCK stellt klar, dass sie sich nicht entwaffnen lässt, wie es das G-8-Kosovo-Abkommen eigentlich vorsieht. Ihr Kommandeur Hashim Thaci behauptet, der Passus, in dem die Entmilitarisierung aller militärischen und paramilitärischen Kräfte vorgeschrieben ist, gelte nicht für seine Organisation. Die NATO ist nicht gewillt, sich durchzusetzen.

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Angesichts der Flucht von Serben aus dem Kosovo verlegt das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Pavle, bis auf weiteres seinen Sitz in die dortige Stadt Pec. Der 84jährige will damit die serbische Bevölkerung zum Bleiben ermutigen. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sind bereits in den ersten Tagen der NATO-Besatzung mehr als 40.000 Serben geflohen.

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Der Heidelberger Antiimperialist und Friedensaktivist Joachim Guilliard warnt in jW, die Besetzung des Kosovo sei auf lange Dauer angelegt, die Provinz diene der NATO als Brückenkopf. Von Frieden könne »keine Rede sein, auch wenn nun in gewohnter Verdrehung von ›Friedens‹-Abkommen, ›Friedens‹-Truppen und ›Friedens‹-Politik gesprochen wird. Wenn nun die Armeen der kriegführenden Staaten einmarschieren, so ist dies selbstverständlich eine militärische Besetzung – unabhängig davon, wie die Truppen genannt werden – und die Fortführung der militärischen Intervention«.

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Die Berliner Staatsanwaltschaft lässt die Räume der »Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär« durchsuchen. Anlass ist eine Strafanzeige wegen eines Plakates, das zu Beginn des NATO-Angriffs auf Jugoslawien gedruckt worden war und in einer U-Bahn angebracht gewesen sein soll. Konkret geht es um die Textpassage »Desertiert aus allen kriegführenden Armeen!« Fahnenflucht ist nach Paragraph 16 Wehrstrafgesetz eine Straftat. Der Aufruf dazu ebenso – aber auch in einem völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Krieg?

Nächster Teil Donnerstag: Massenflucht im Kosovo

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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