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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Höllenfahrt

Alte Tante Resterampe: Wahre SPD

Von Pierre Deason-Tomory
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Glückauf!

In einem aufgelassenen Bergwerk im zerhütteten Westen haben altgediente Zyniker vor einigen Tagen die sogenannte Wahre SPD gegründet, um die Rückvergesellschaftung der Partei durch Linksradikale zu verhindern. Der Name ermöglicht phonetische Missverständnisse und ergibt ein falsches Bild. Wahrum? Letzten Hohlrechnungen zufolge handelt es sich bei der SPD keineswegs um Bückware, sondern um ein Sonderangebot mit Kleinstmengenrabatt. Für erstere wäre Linke-Fraktionschef Dietmar Osterwelle zuständig, der bereits seit Jahrzehnten versucht, sich unter Fünf-Prozent-Hürden zu bücken. Der Name »Wahre SPD« schreibt sich mit »h«, so wie die »Wahre IRA«. Die Wahre IRA – immerhin! – schießt immer noch scharf, trifft aber manchmal die Falsche. Die alte Tante SPD dagegen – Glückauf! – schürft schief und schießt scharf ins eigene Knie.

So haben die Mitglieder der SPD im vergangenen Jahr, betört vom lieblichen Gesang der zarten Lerche aus der Eifel, mit Zwei-Drittel-Mehrheit den Selbstmord der Partei in der großen Koalition beschlossen. Die Folgen: 15 Prozent bei der Europawahl und eine Woche lang live im Fernsehen »Bahre für Nahles«.

Neulich verstarb ein guter Bekannter von mir an einer Überdosis Eurovision Songcontest und wurde direkt in die Hölle expediert. Dort sah er Bismarck, Nietzsche und Droste streiten über die These »Gott isst gut«, während sie von wohlgestalteten Knaben mit Champagner, Cognac und Zigarren bewirtet wurden. Er fragte einen der Kellner-Boys: »Das hier ist wirklich die Hölle?« »Jawohl!« antwortete dieser. »Und was ist das da?« hakte mein Bekannter nach und deutete auf eine Szene im Hinterzimmer, in dem Bernstein, Ebert und Gabriel gebraten und gepiesackt wurden. »Och,« sagte der Bursche, »das ist nur für die Sozis. Die wollen das so.«