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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Gegenkullur

Poesie der Unbeugsamen

Heute erscheint die neue Melodie & Rhythmus mit dem Schwerpunktthema Türkei
Von Nick Brauns
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»Für einen neuen proletarischen Internationalismus« (Grafik aus dem Heft)

Die Türkei ist das Schwerpunktthema der neuen Ausgabe des Magazins für Gegenkultur Melodie & Rhythmus. Obwohl türkeistämmige Migranten und Exilanten einschließlich vieler Kurden die größte Migrationsgruppe in Deutschland bilden, finden ihre Kultur und Kunst auch nach 60 Jahren Einwanderungsgeschichte weder in unserer Lebenswelt noch in den Feuilletons der deutschen Presse einen würdigen Platz. Das beklagt M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl im Editorial. Auch dies trage zur Ausgrenzung der Türkeistämmigen bei – eine Kluft, die wiederum türkische Nationalisten für sich zu nutzen wissen. Um dieser Spaltung entgegenzuwirken, bricht Witt-Stahl eine Lanze für einen neuen proletarischen Internationalismus. In der M&R kommen türkeistämmige Künstler, Journalisten und Intellektuelle selbst zu Wort. Ein Großteil von ihnen stammt aus dem Umfeld der sozialistischen Tageszeitung Evrensel, die in diesen Tagen ihr 25 jähriges Erscheinungsjubiläum feiern konnte, sowie der 2016 unter dem Ausnahmezustand verbotenen Kulturzeitschrift Evrensel Kültür.

Zentrale Instrumente beim Aufbau des modernen Staates stellten für den Kemalismus die Schulen und Kasernen da, schreibt der Journalist Hakki Özdal in einem Überblick über den Kulturkampf in der Türkei von Atatürk bis Erdogan. Den Kemalisten fehlten allerdings die nötigen historisch-materialistischen Einsichten über die Ursachen des von ihnen mit einer Mischung aus Zwang und Aufklärung bekämpften religiösen Aberglaubens, meint Özdal. Diese Einsicht konnte die kemalistische Bourgeoisie aufgrund ihres Klassencharakters gar nicht haben. Wegen ihres Bündnisses mit den Großgrundbesitzern erteilten die Kemalisten einer Landreform als eigentlicher Kernaufgabe jeder bürgerlichen Revolution eine Absage. Sie beließen die Masse der Landbevölkerung so in der materiellen Abhängigkeit von Aghas (Grundbesitzern) und der geistigen Abhängigkeit der im Untergrund weiterexistierenden religiösen Orden. Die Folge des kemalistischen Kulturkampfes, dem es entsprechend an einer materialistischen Erdung fehlte, war laut Özdal ein tiefer Riss in der Gesellschaft zwischen einer laizistischen intellektuell-bürokratischen Elite und der Masse der frommen Bauern und Armen. Heute versucht Erdogan, diesen Riss mit einer religiös verbrämten neoliberalen Ideologie zu kitten. Das Ringen um die kulturelle Deutungshoheit werde dabei zu einem Anliegen der nationalen Sicherheit erhoben, schreibt Bahadir Özgür, der infolge von Erdogans »Kulturkrieg« ein Klima der Unterdrückung für Intellektuelle und Kulturschaffende erkennt, das an George Orwells »1984« und Ray Bradburys »Fahrenheit 451« erinnere.

»Die Regierungen wechselten oft, die Unterdrückung blieb«, schreibt Gerd Schumann in seiner Spurensuche über die Rolle der Künstler bei der Formierung von Widerstand. So sah der 1923 geborene kurdische Schriftsteller Yasar Kemal, der mit seinem Romanzyklus über den anatolischen Robin Hood »Mehmet mein Falke« Weltruhm erlangte, es als »eines der überraschendsten Merkmale« der Literaten seiner Generation an, dass es praktisch keinen gab, »der nicht durchs Gefängnis gegangen ist«. Der als bedeutendster Dichter der Türkei geltende Kommunist Nazim Hikmet verbrachte insgesamt 17 Jahre hinter türkischen Kerkermauern und starb im Moskauer Exil. Einige der bekanntesten Filme des Regisseurs Yilmaz Güney wie »Yol« und »Sürü« entstanden nach Instruktionen aus dem Knast und später dem Exil.

Unter kurdischen Schriftstellern gebe es eine Übereinkunft darüber, dass Widerstand und Selbstbehauptung angesichts der Zwangstürkisierung breiter nichttürkischer Bevölkerungsteile die vorrangige Aufgabe von Literatur sei, schreibt Luqman Guldive, Kulturredakteur der kurdischen Tageszeitung Yeni Özgür Politika.

Angesichts rassistischer Ausgrenzung von türkeistämmigen Migranten einerseits und direktem Zugang zu türkischen Medien andererseits sei es Erdogan gelungen, sich auch in Deutschland als Sprecher der »Opfer« und »Verachteten« zu inszenieren und überdurchschnittlich viele Stimmen bei Wahlen zu bekommen, meint der Journalist Tonguc Karahan. Wie ultranationalistische Sänger auch unter der türkischen Diaspora in Deutschland die Botschaft der faschistischen Grauen Wölfe verbreiten, stellt Norman Philippen da. Mesut Bayraktar spürt bei einer Reise in die Heimat seiner Eltern am Schwarzen Meer den Chiffren der Klassengewalt nach. Abgerundet wird der Türkei-Schwerpunkt durch eine Fotoreportage von Yücel Tunca über die Gezi-Proteste in den Straßen von Istanbul im Sommer 2013.

Vor dem Hintergrund der sehr deutschen Debatte über Grenzen der Israel-Kritik müssen die von M&R präsentierten bitterbösen Karikaturen des US-amerikanischen Zeichners Eli Valley besonders provokant erscheinen. Der Rabbinersohn sieht seine stilistisch von Superheldencomics der 50er Jahre beeinflussten Zeichnungen als »Aufschrei gegen die zionistische Pädagogik, die uns in der Diaspora von Geburt an bis zum Tod eingetrichtert wird: dass wir schwach sind und Israel als Schutz benötigen«.

Moshe Zuckermann führt anlässlich des 50. Todestages von Theodor W. Adorno aus, dass der Mitbegründer der Frankfurter Schule bis zu seinem Lebensende an seiner radikalen Kritik am Spätkapitalismus festhielt und gerade deshalb auf Distanz zu den in seinen Augen zu ungeduldigen linksradikalen »68ern« ging. Der italienische Historiker Enzo Traverso erklärt im Interview, wie sich »linke Melancholie« für die Klassenkämpfe der Gegenwart nutzen lässt. Wie üblich vervollständigen Interviews sowie zahlreiche Musik-, Buch-, Ausstellungs- und Filmkritiken das Heft.

Melodie & Rhythmus, 3/2019, 114 S., 6,90 Euro

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