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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 15 / Antifa
Umgang mit Gewaltgeschichte

Verdrängen statt Gedenken

Hamburg: Bismarck-Statue wieder Wallfahrtsstätte. Schauplätze des NS-Terrors werden hochpreisige Immobilien
Von Martha B. Bacher, Hamburg
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Im Inneren können rechte Pilger ungestört Rituale abhalten: Größtes Bismarck-Denkmal (Hamburg, 22.7.2016)

Otto von Bismarck blickt, auf einem 20 Meter hohen Sockel stehend, über die Elbe. Des Kaisers Kanzler, Kriegsherr und Schöpfer der »Sozialistengesetze« hält in ­dicker Faust ein bis zum Boden reichendes Schwert. Darunter entblößte, ebenso finster dreinblickende Jünglinge. Hinterm »Tor zur Welt« soll alter Geist nun in neuem Glanz erstrahlen: Am Hamburger Hafen im Stadtteil St. Pauli steht die Restauration des bröckelnden Bismarck-Denkmals im Elbpark an. Sie soll in einigen Wochen beginnen, der Bund spendiert die Hälfte der veranschlagten Kosten in Höhe von rund 13 Millionen Euro. Die Stadt hat 1906, nach Plänen von Hugo Lederer und Johann Emil Schaudt, nicht nur das bis heute größte Ehrenmal für den Verfechter von »Blut und Eisen« verwirklicht. Mit 34 Metern Höhe ist es Hamburgs größtes Denkmal überhaupt. Während der Weimarer Republik versammelten sich hier ultrarechte Trupps zu Fackelaufmärschen, um ihres Helden zu gedenken.

Das Denkmal dient auch heute wieder als Wallfahrtsstätte. Rechte Pilger überwinden dazu mühelos die derzeit verbarrikadierten Zugänge. Ihre Rituale können sie ungestört abhalten. Anhänger der »Identitären Bewegung« (IB) haben ihre Aktion im vergangenen Jahr zu Bismarcks 120. Todestag auf Video festgehalten. Zu sehen sind junge Männer in dunklen Hosen und weißen Hemden mit und ohne Krawatte. Sie klettern über die Mauern und breiten am Fuße des Verehrten ihre Embleme aus. Einen Kranz legen sie später vor der Gruft im Sachsenwald nieder. Am auf Youtube veröffentlichten Clip wird in einem Nutzerkommentar moniert, warum die IBler nicht auch die Preußenflagge gehisst hätten. Das war sicher nur Vergesslichkeit. Was im Zuge der Sanierungen mit den Innenräumen geschehen soll, ist noch ungewiss.

1939 wurde das Innere des Bismarck-Denkmals zu Luftschutzkellern umgebaut. Michael Berndt vom Verein »Hamburger Unterwelten« hatte 2017 zusammen mit anderen die Möglichkeit, den Sockelbau zu erkunden. Auf ihrer Internetseite heißt es dazu: »In allen acht äußeren Räumen und im inneren Zentralraum befinden sich großformatige, ganz außergewöhnliche Wand- und Deckengemälde. Sie zeigen völkische und nationalistische Symbole.« Die Geschichtswerkstatt »St.-Pauli-Archiv« setzt sich für ein anderes Gedenken ein und kritisiert die geringe mediale Aufmerksamkeit.

Hamburg hat bis heute in der Stadtmitte kein zentrales Denkmal oder Museum für Naziopfer. Nicht einmal Geld für die Restauration des jüdischen Tempels in der Poolstraße ist da. Die Ruine des 1844 eingeweihten Baus, der die Anfänge des liberalen Judentums bezeugt, könnte ein idealer Ort zur Dokumentation jüdischer Geschichte sein. Das Bismarck-Denkmal, aber auch der Feldbunker wären geeignete Orte zur Aufarbeitung der Gewaltgeschichte der Stadt. Jene riesige Bunkeranlage auf der anderen Seite der Reeperbahn steht mitten auf dem Heiligengeistfeld. Der Feldbunker ist 70 Meter lang, 39 Meter hoch und wurde 1942 von mindestens 1.000 Zwangsarbeitern errichtet. Nach dem Krieg diente er zunächst als Wohnraum, später wurde er für Büros und als Veranstaltungsort genutzt. Aktuell bestehen Pläne, auf die Anlage fünf Stockwerke draufzusetzen – für Luxuswohnungen mit viel Grün. Anwohner fürchten die Gentrifizierung des ganzen Viertels.

Zum Bau des 1936 eingeweihten »Kriegsklotzes« am Bahnhof Dammtor hatte die örtliche NS-Leitung den Bildhauer Richard Kuöhl für das 76. Infanterieregiment im 1. Weltkrieg animiert. Einen sieben Meter hohen Block aus Beton und Muschelkalk umringt eine Truppe marschierender Soldaten in Lebensgröße und mit Gewehren bewaffnet – in 22 Gruppen je vier Soldaten, also 88 Figuren. Anfang der 1980er Jahre hatte sich Alfred Hrdlicka an einem Gegendenkmal zum »Klotz« versucht, das Projekt aber wegen Einstellung der Finanzierung abgebrochen.

Zwischen beiden Monumenten entstand 2015 ein Denkmal für Deserteure, wofür sich eine Initiative jahrelang eingesetzt, aber nur bedingt die Gestaltung hatte mitbestimmen können. Mittelpunkt ist ein kleiner begehbarer Raum mit mittlerweile kaum noch zu entziffernden Inschriften an einer Seite. Die Anlage, an der anfangs akustische Informationen zu den Ermordeten aufgerufen werden konnten, ist seit längerem außer Funktion. Aus dem verdreckten Inneren strömt bisweilen Uringestank. Das ganze Arrangement lässt den Kriegsklotz nebenan nur um so »erhabener« erscheinen. Eine Hinweistafel in blasser Schrift, der Zweite Weltkrieg sei ein Angriffs- und Vernichtungskrieg gewesen, bricht das Szenario keineswegs auf. Seit Jahrzehnten legen im Spätherbst Unbekannte wenige Schritte vom »Klotz« entfernt Kränze auf zwei »Gedenkplatten« ab. Bis heute unterlässt es die Stadt, vor Ort konkret auf Verbrechen des Regiments hinzuweisen.

Generell hat die Stadt Hamburg ein Problem mit Spuren ihrer Gewaltgeschichte im öffentlichen Raum. Seit einigen Jahren ist das ehemalige Wehrkommando des Wehrkreises X Mittelpunkt des »teuersten Wohngebietes« an der Alster. Übernommen vom Bund, hatte der »Immobilienentwickler Frankonia« den von Hermann Distel konzipierten NS-Bau entkernt und in »Stadtpalais« umbenannt. Das Äußere ist geblieben – auch die beiden riesigen NS-Reichsadler auf dem Flachdach. Von hier aus wurde die Teilnahme Norddeutschlands am Vernichtungskrieg organisiert. In den letzten Jahren entstanden hinter dem Koloss mehrere Blocks »Eigentumswohnungen mit höchstem Wohnkomfort«.

Verwandlung ins »Luxuriöse« vollzieht sich auch im ehemaligen Stadthaus, wo einst in der großen Gestapo-Zentrale gefoltert und gemordet worden sowie Polizeibataillone trainiert worden waren (siehe jW vom 10. November 2018). Ohne Not hatte die Stadt den Gebäudekomplex bereits 2009 an die Quantum AG veräußert. Organisationen der Opfer und deren Nachkommen blieben außen vor. Quantum taufte den Gebäudekomplex modisch in »Stadthöfe« um. »Neues zu schaffen in Analogie und Harmonie zum Alten – darum geht es uns bei den Stadthöfen«, so eine Verlautbarung. Die Kritik ist seit der Eröffnung Anfang 2018 einhellig: »Man könnte es zynisch nennen: Unter dem Slogan ›Stadthöfe – Hommage ans Leben‹ entsteht in Hamburgs City ein Luxusquartier, dort, wo die Nazis ihre Greueltaten koordinierten«, hieß es in der Welt vom 26. Januar 2018. Ein Eingangsschild aus Eisengitter, das an den Schriftzug »Arbeit macht frei« über dem Eingangstor des KZ Auschwitz erinnerte, wurde nach internationalen Protesten entfernt.

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