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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Wirtschaftsprognose

Die Rezessionsglocken läuten

Handelskonflikt schürt Ängste bei Investoren. Deutsche Konjunktur dümpelt vor sich hin
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Draußen hui, innen pfui: Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Beijing (27.4.2019)

Schwarze Wolken hängen über dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin. Konnte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bei dem G-20-Treffen in Japan am Sonntag noch mit einer großen Rede auftrumpfen, erwartete ihn zu Hause schon wieder Unheil. Diesmal in Form einer sehr expliziten und sehr reellen Gefahr: die einer Rezession. In einer monatlichen Umfrage der Investmentberatungsfirma Sentix am Dienstag wurde die deutsche Konjunktur von über 900 Anlegern so negativ eingeschätzt wie seit mehr als neun Jahren nicht mehr. Das entsprechende Barometer fiel im Juni um 8,6 auf minus 0,7 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit März 2010.

»Eine Rezession steht damit unmittelbar vor der Tür«, sagte Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner. Für die deutsche Wirtschaft komme es derzeit knüppeldick. »Einerseits belastet der USA-China-Handelsstreit die stark exportlastige Wirtschaft in hohem Maße«, sagte Hübner über den eskalierenden Handelskonflikt. »Andererseits wird nirgendwo in Europa mehr über den Klimawandel gesprochen und die eigene Industrie so sehr in Frage gestellt«, fügte der Sentix-Geschäftsführer in einer weniger reflektierten Aussage hinzu.

Zudem befinde sich mit der Autoindustrie die Schlüsselbranche Deutschlands noch immer in einer selbstverschuldeten Krise. Auch die Konjunktur der Euro-Zone wird deutlich schlechter bewertet. Dieses Barometer fiel im Juni um 8,0 auf minus 3,3 Punkte. »Spätestens seit die US-Regierung es US-Unternehmen verbietet, mit dem chinesischen Telekomausrüster Huawei Geschäfte zu machen, ist klar, dass aus einem ›kalten‹ Handelskrieg ein ›heißer‹ zu werden droht«, sagte Hübner.

Der Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften könnte nach Einschätzung deutscher Volkswirte die internationalen Wirtschaftsbeziehungen dauerhaft beschädigen und zu einer Abwendung von der bis dato sakrosankten Wirtschaftsordnung führen. »Die goldenen Jahre der Globalisierung sind vorbei«, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. »Die Konjunktur im Exportland Deutschland wird weiter vor sich hin dümpeln.« Krämer ist überzeugt: »Finden die USA und China keinen Modus vivendi, droht die Weltwirtschaft über die Jahre in eine westliche und östliche Sphäre zu zerfallen.«

Diese Zweiteilung wird wohl auf lange Sicht unvermeidbar sein, auch wenn Altmaier am Sonntag nach Abschluss der Verhandlungen der G-20-Minister für Handel und Digitalwirtschaft in der japanischen Forschungsstadt Tsukuba verkündet hatte, es sei »gelungen, einen Bruch zu vermeiden«. »Das ist noch keine Lösung für die ungeklärten Handelsfragen zwischen China und den USA, zwischen Europa und den USA. Aber es ist angesichts wachsenden Protektionismus ein wichtiges Statement, das wir gemeinsam erreicht haben«, sagte Altmaier. (Reuters/dpa/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Erkenntnisglocken schweigen Ein »Konjunkturrückgang« ist ja, kritisch betrachtet, kein Vorgang von naturgegebener Bedeutung, vergleichbar etwa einem Erdbeben, sondern klimapolitisch eine dringend notwendige Voraussetzung. Oder g...

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