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Aus: Ausgabe vom 01.06.2019, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

»Ihr höllischen Kujone«

Vor 175 Jahren erhoben sich die schlesischen Weber gegen die Fabrikanten
Von Daniel Bratanovic
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»Weberzug« von Käthe Kollwitz, Blatt 4 aus dem Zyklus »Ein Weberaufstand«, 1893–1897, Radierung

»Heute machen wir Rebellion!« rief der junge Weber Johannes Fischer am 4. Juni 1844 seiner Mutter zu. Er konnte nicht wissen, welche weitreichenden Folgen sein Ausruf oder vielmehr die damit verbundene Tat haben und welche Bedeutung man ihr auch noch Jahrzehnte später beimessen würde. Gegen wen sie sich zu richten hatte, wusste er dagegen sehr wohl.

Fischer war, wie Tausende andere zu jener Zeit auch, ein Heimarbeiter in den »Fabrikdörfern« am Fuße des Eulengebirges in der damals preußischen Provinz Schlesien. In diesen Dörfern lebten dicht zusammengedrängt Weber und Spinner, deren Zahl rasant wuchs. Binnen weniger Jahrzehnte hatte sich die Einwohnerzahl der Ortschaften Peterswaldau und Langenbielau, den Zentren der schlesischen Baumwollindustrie, verdoppelt. Große Textilunternehmen hatten hier Fuß gefasst und rekrutierten Weber aus den benachbarten Kreisen und Gemeinden.

Wenngleich die Unternehmer landläufig als »Fabrikanten« bezeichnet wurden, hatte die Tätigkeit der Weber wenig mit einem Fabrikbetrieb gemein. Grundlage der Beschäftigungsverhältnisse war das frühindustrielle Verlagssystem. Das bedeutete, der Kaufmann bzw. Verleger gab das Garn an die Weber aus, die daraus zu Hause mit ihrem Webstuhl das Gewebe herstellten und für die fertige Ware wiederum ausgezahlt wurden. Formal selbständig, waren die Weber dem Kaufmann tatsächlich restlos ausgeliefert. Da vor allem für den Exportmarkt produziert wurde, wälzte der Verleger jede nachteilige Preisentwicklung aufgrund von Absatzschwankungen und der technisch überlegenen englischen Konkurrenz, die mit günstigerem und höherwertigem Maschinengarn arbeitete, auf den Heimweber ab, indem er den Lohn kürzte und weniger Aufträge vergab. Das war möglich, weil beschäftigungssuchende Arbeiter ausreichend zur Hand waren.

Wut

Eine Absatzkrise 1843/44 veranlasste die um ihren Profit besorgten schlesischen »Fabrikherren«, den Arbeitslohn weiter zu senken. Schon seit Monaten hatten sich unter den Webern des Eulengebirges Wut und Erbitterung gestaut. Besonders verhasst war das Handlungshaus Ernst Friedrich Zwanziger und Söhne, das in Peterswaldau 5.321 Heimarbeiter beschäftigte. Der Textilkaufmann hatte als erster die Löhne gedrückt und stellte zugleich seinen Reichtum schamlos zur Schau. Im »Blutgericht«, einem eigens gedichteten Lied, hieß es: »Die Herren Zwanziger, die Henker sind / Die Diener ihre Schergen / Davon ein jeder tapfer schind’t / Anstatt was zu verbergen. – / Ihr Schurken all, ihr Satansbrut / Ihr höllischen Kujone / Ihr fresst der Armen Hab und Gut / Und Fluch wird euch zum Lohne.«

Dieses Lied trugen Weberburschen vor der Villa der Fabrikantenfamilie am Abend des 3. Juni vor. Die besungenen Schergen jagten sie davon, ergriffen einen der Sänger, den Weber Wilhelm Mäder, und lieferten ihn der Ortspolizei aus, die ihn misshandelte. Die Rebellion hatte einen Anlass.

Am Folgetag, einem Dienstag, marschierte eine Schar mehrerer hundert Männer, unter ihnen der erwähnte Johannes Fischer, in militärischer Ordnung erneut vor die Fabrikantenvilla und forderten Mäders Freilassung sowie eine Erhöhung des Lohns. Sie waren unbewaffnet. Als aus dem Haus Ziegelsteine auf die Versammelten geworfen wurden, entlud sich der Zorn. Die Weber rissen Latten vom Zaun vor dem Gebäude, drangen in die Geschäftsräume und das Warenlager ein, zerrissen Geschäftsbücher, plünderten die Kasse und zerschnitten die Garne. Erst danach wurde das Interieur der Villa verwüstet.

Gleiches strebten die »Tumultuanten« einen Tag später bei weiteren Peterswaldauer Verlegern an. Doch die bedrängten Kaufmänner zeigten sich gesprächsbereit, boten Abfindung und Nahrung. Die meisten nahmen an. Ein kleiner Teil jedoch war nicht zufrieden und zog mit Hurra und Knüppeln ins nahegelegene Langenbielau. Dort erging es den Kaufleuten Hilbert und Andretzky ähnlich wie Zwanziger, vom Fabrikanten Ernst ließ sich die Menge mit Geld abfinden, die Fabrikanlagen der Brüder Wilhelm und Friedrich Dierig waren das nächste Ziel. Die zahlten zwar besser, beschäftigten allerdings fast ausschließlich auswärtige Weber. Hier stießen die Revoltierenden zum ersten Mal auf Gegenwehr. Friedrich Dierig hatte seinen eigenen Arbeitern eine Handvoll Silbergroschen versprochen, dass diese die Angreifer vertreiben, was zunächst auch gelang. Kurz darauf traf preußisches Militär ein. Ein Kommando von 150 Mann sollte die Auszahlung der zugesagten Belohnung am Hof der Fabrik Wilhelm Dierigs absichern. Dorthin strömten indes die Zurückgeschlagenen und lieferten sich Prügeleien mit den Dierigschen Getreuen. Der Unternehmer versuchte die Lage zu entspannen und bot den Aufständischen fünf Silbergroschen pro Kopf. Die Menge schwoll an, die Lage wurde unübersichtlich. Der kommandierende Major Rosenberger ließ scharf feuern. Zurück blieben elf Tote und 26 Verletzte. Daraufhin prasselten Steine auf die Soldaten hernieder, Rosenberger befahl den Rückzug, die Rebellen stürmten und plünderten die Fabrik.

Am nächsten Morgen besetzten sechs Kompanien Infanterie Langenbielau und verboten jedes öffentliche Zusammentreten von mehr als sechs Menschen; am Vortag hatte bereits eine kleinere Militärabteilung in Peterswaldau Stellung bezogen. Der Weberaufstand in den beiden Fabrikdörfern war beendet. 112 Teilnehmer der Rebellion wurden verhaftet. Im nachfolgenden Prozess verurteilte der Kriminalsenat des königlich-preußischen Oberlandesgerichts zu Breslau am 31. August 1844 80 revoltierende Weber, darunter Johannes Fischer, zu insgesamt 203 Jahren Zuchthaus, 90 Jahren Festungshaft und 330 Peitschenhieben.

Fanal

Im Eulengebirge herrschte zwar wieder Ruhe, doch der Protest sprang nun, auch dank der Berichterstattung der Tagespresse über die Ereignisse in Schlesien, auf das benachbarte österreichische Böhmen über. Die Arbeiter der Kattundruckereien in und um Prag und Reichenberg wehrten sich am 17. Juni gegen eine zwei Tage zuvor verkündete Stücklohnkürzung und zerstörten gezielt die ihnen verhassten Walzendruckmaschinen und Perrotinen. Am 8. Juli schließlich lieferten sich die Arbeiter in Prag einen Kampf mit österreichischen Truppen, bei dem acht Menschen ihr Leben ließen. Eine ganze Reihe von Streiks und Demonstrationen erschütterte in jenen Tagen den Deutschen Bund. In Berlin streikten die Textilarbeiter, in Magdeburg die Arbeiter der Zuckerfabriken, in Aachen die Tuchweber, in Sachsen und Preußen die Eisenbahnarbeiter. Bourgeoisie und Adel mussten ernsthaft eine ganz Deutschland erfassende Rebellion der Arbeiter fürchten. Die schlesischen Weber hatten das Signal gegeben.

Nicht Maschinensturm, nicht Hungerrevolte

Gemeinhin wird der Aufstand der Weber als »Hungerrevolte« und »Maschinensturm« gewertet. Beide Deutungen treffen nicht zu. Der Aufstand war kein Gefecht gegen die fortschreitende Industrialisierung, kein verzweifelter Abwehrkampf der Handarbeit. Eine Kritik der neuen Maschinen findet sich nicht. Einzig ein paar Jacquardwebstühle, halbmechanische, lochkartengesteuerte Webstühle, wurden zerstört. Nicht in der Konkurrenz der Maschine, sondern im Verhalten der Kaufleute erblickten die Weber die Quelle ihres Elends.

Marx attestierte dem Weberaufstand im August 1844 einen »bewussten Charakter«, denn im Lied vom »Blutgericht« habe »das Proletariat sogleich seinen Gegensatz gegen die Gesellschaft des Privateigentum« herausgeschrien. Und wies darauf hin, dass die »Kaufmannsbücher, die Titel des Eigentums« zerstört wurden. Eric Hobsbawm nannte solches Verhalten mit Blick auf ähnliche Aktionen der Ludditen in England wenige Jahrzehnte zuvor »collective bargaining by riot« (Tarifverhandlungen durch Aufruhr).

Aber auch der Hunger war nicht das Motiv der Erhebung. Die Baumwollweber waren arm und kämpften Tag für Tag um das Existenzminimum, doch unterschied sich ihre Lage vom grauenvollen Elend der arbeitslos gewordenen Leineweber und Spinner. »Die schlesischen Weber rebellierten, eben weil sie noch etwas zu verlieren hatten«, schreibt die Historikerin Christina von Hodenberg.

Dabei unterlagen die hausindustriellen Arbeiter einer doppelten Ausbeutung: der durch den Kaufmann und der durch den Gutsherren, dessen abgabepflichtigen Untertanen sie immer noch waren. »Sie steckten«, schrieb Franz Mehring, »noch mit beiden Füßen im feudalen Schlamme, während ihr Leib von dem heftigsten Wirbelwinde des kapitalistischen Konkurrenzkampfes gepackt wurde.«

Diese »Stiefkinder des industriellen Fortschritts« (von Hodenberg) waren Übergangsfiguren in einer »transitorischen Phase« (so der britische Historiker Edward P. Thompson): Noch keine Proletarier im strengen Sinne, hofften die schlesischen Fabrikarbeiter auf Linderung ihrer Not »von oben« in einer noch immer paternalistisch geprägten Welt, ihre Selbstermächtigung geriet aber zugleich zum »Anfang« der Arbeiterklasse in Deutschland (Friedrich Engels).

Daniel Bratanovic