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Aus: Ausgabe vom 20.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Krankenhaus getroffen

Chronik eines Überfalls (Teil 30), 20.5.1999: Schwere Angriffe auf Belgrad, Aderlass für die Grünen
Von Rüdiger Göbel
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Ein paar Bomben Diplomatienachhilfe: Im Belgrader Hospital »Dragisa Misovic« (jW vor 20 Jahren)

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Russlands Sondervermittler Wiktor Tschernomyrdin hat nach einer Unterredung mit dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic gerade Belgrad verlassen, da erschüttern schwere Detonationen die Hauptstadt. Bei den seit langem schwersten Angriffen auf die Metropole an Save und Donau zerstört die NATO die neurologische Abteilung des Hospitals »Dragisa Misovic« im Stadtteil Dedinje komplett. Beschädigt werden in dem weitläufigen Krankenhauskomplex zudem die Entbindungsstation, die Kinderabteilung und ein Operationssaal. Als Korrespondent vor Ort steige ich am Morgen nach dem Bombardement durch Trümmer und über nun unbrauchbare Klinikbetten. Der Assistent des Krankenhausdirektors berichtet: »Drei Patienten kamen bei dem Angriff ums Leben.« Genaue Angaben über die Anzahl der Verletzten, unter denen sich auch Klinikbeschäftigte befinden, kann er nicht machen. Laut NATO-Sprecher Jamie Shea hat eine von sieben lasergesteuerten Bomben ihr Ziel verfehlt, angeblich eine 500 Meter entfernt liegende Armeebaracke.

Allein, in Belgrad glaubt man nicht an die von der NATO immer wieder vorgebrachte Erklärung, die Bomben hätten ihr Ziel verfehlt. »Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Intensivierung diplomatischer Bemühungen, die NATO-Aggression gegen Jugoslawien zu beenden, und der Intensivierung des Bombardements«, erklärt die Armee des Landes. Die jugoslawische Hauptstadt habe nach dem Treffen zwischen Wiktor Tschernomyrdin und dem stellvertretenden US-Außenminister Strobe Talbott sowie dem finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari in Helsinki die wohl längste Angriffsnacht hinter sich. Ähnlich sei es auch nach dem Außenministertreffen der G-8-Staaten zwei Wochen zuvor gewesen. Der dort formulierte Prinzipienkatalog zur politischen Lösung des Konflikts wurde mit den Angriffen auf die chinesische Botschaft torpediert. »Die NATO scheint zu glauben, diplomatische Fortschritte sollten mit Bomben ›unterstützt‹ werden«, heißt es in einer am 58. Tag der Aggression gegen Jugoslawien verbreiteten Stellungnahme.

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Das ARD-Magazin »Monitor« berichtet, dass die NATO am 3. Mai bei Pec einen Bus mit Splitterbomben angegriffen habe. 17 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, waren dabei getötet worden. Jamie Shea hatte unmittelbar danach bestritten, dass die NATO für den Tod der Zivilisten verantwortlich sei. Vermutlich hätten serbische Streitkräfte den Bus mit Mörsergranaten oder Maschinengewehren beschossen, so der Lügner vom Dienst. »Monitor«-Recherchen belegen nun, dass der Bus von mindestens einer Clusterbombe der US-Luftwaffe vom Typ »CBU-87/B« getroffen worden war.

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Bei Bündnis 90/Die Grünen häufen sich die Austritte nach dem Ja des Bielefelder Parteitags zum Kriegskurs von Außenminister Joseph Fischer. In Hamburg verlassen auch fünf Fraktionsmitglieder der Grün-Alternativen Liste (GAL) die Partei.

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Pech hat auch Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping. Beim Kurzurlaub auf Mallorca bricht er sich während einer Fahrradtour seinen rechten Unterarm.

Nächster Teil Mittwoch: »Der Krieg wird in drei bis vier Wochen zu Ende sein«

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