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Aus: Ausgabe vom 20.05.2019, Seite 8 / Ansichten

Psychoterrorist des Tages: Jan Böhmermann

Von Peter Merg
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Wer hat Angst vor Böhmermann? Österreich brennt

Satire darf bekanntlich alles, aber kann sie auch alles? Österreichs freiheitlicher Endlich-Exvizekanzler Heinz-Christian Strache nahm sich jedenfalls in seiner zehnminütigen Rücktrittserklärung am Sonnabend nicht nur die Freiheit, sich noch mal als echter Mann (»wollte die attraktive Gastgeberin beeindrucken«) und zugleich als Opfer eines »gezielten politischen Attentats« zu inszenieren. Nein, er phantasierte auch über die dunklen Machenschaften deutscher Fernsehspaßvögel. Er frage sich, »wer diese Netzwerke sind und welche Rolle auch der Herr Böhmermann in diesem Zusammenhang spielt«.

Dieser ist dem bundesdeutschen Beitragszahler bekannt als Moderator der ZDF-Produktion »Neo Magazin Royale«, in welcher er mal mehr (»Varoufake«, »Versandsoldaten«), mal weniger gelungen (»Erdogate«, »Be deutsch«) Missstände nationaler und internationaler Politik aufs Korn nimmt. Der öffentlich-rechtliche Vorzeigeliberalo mit dem großen Herzen für Europa im allgemeinen und Österreich im besonderen, kannte das doppelt blaue Ibiza-Band schon etwas länger. Und spielte in einer aufgezeichneten Videobotschaft zur Verleihung des österreichischen TV-Preises Romy im April recht plump darauf an: Er sei verhindert, da er »gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchenvilla auf Ibiza rumhänge« und über die Übernahme der Kronen-Zeitung verhandele.

Da müssen dem »HaaCeeh« aber glatt seine zwei Gramm Zauberzucker ins Klosett gerutscht sein, als er das hörte. Die Seelenpein, nicht auszudenken. Zwar kann Kanzler Kurz nach den Neuwahlen dem Land seine rechte Rosskur wohl im Alleingang verabreichen, und die Rolle des Lieblingskomikers aller PoWi-LKs in der Angelegenheit ist tatsächlich recht undurchsichtig. Aber dass Satire noch regierende Rechte zu erschrecken vermag – ein bisschen lustig ist das schon.

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