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Aus: Ausgabe vom 18.05.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energieversorgung

Aus vollen Rohren

Moskau möchte langfristig Erdgasexporte verdoppeln. Merkel rechnet mit Fertigstellung von »Nord Stream 2«
Von Reinhard Lauterbach
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Aktivisten besetzen Röhren der Pipeline »Eugal« in Mecklenburg-Vorpommern (16.5.2019)

In Mecklenburg-Vorpommern haben sich Kritiker der russisch-deutschen Ostseepipeline »Nord Stream 2« eine neue Protestform einfallen lassen. Bei Wrangelsburg seien am Donnerstag mehrere Personen in bereits verlegte Röhren der zur weiteren Verteilung des über »Nord Stream 2« erwarteten Gases verlegten Pipeline »Eugal« gekrochen und hielten diese besetzt, teilte die Polizei mit. Vermutlich seien sie »ziemlich weit reingekrochen«, zitierte die Deutsche Presseagentur am Freitag einen Sprecher. Ziel der Aktion sei, gegen die Fertigstellung der Leitung zu protestieren. Eugal soll das Gas nach Tschechien transportieren. Als Argument vorgetragen wurde, Erdgas sei wegen des hohen Methangehalts noch umweltschädlicher als Kohle. Faktisch richtete sich die Aktion gegen den Import des Rohstoffs aus Russland.

Erstmals seit langem hat sich auch die Bundeskanzlerin zu dem Pipelineprojekt geäußert. Auf einer Veranstaltung im oberschwäbischen Ravensburg sagte sie auf eine Frage aus dem Publikum, sie rechne mit einer Fertigstellung der Leitung. Das Projekt sei »weitestgehend genehmigt«, so Angela Merkel (CDU); die EU-Kommission werde es auch mit ihrer neuen Gasrichtlinie nicht mehr verhindern können. Eben dies versucht derzeit die dänische Regierung, indem sie die Genehmigung für die Verlegung der Röhren in der dänischen Wirtschaftszone nördlich der Insel Bornholm verzögert. Diese Leitung ist länger als die ursprünglich projektierte, hat aber aus Sicht der Investoren den Vorteil, dass Dänemark wegen des anderen Rechtsstatus der Gewässer nördlich von Bornholm die Verlegung der Pipeline letztlich nicht verbieten könne. Merkel sagte, entscheidend sei für sie, dass ein gewisser Gastransit durch die Ukraine auch nach 2020 erhalten bleibe. Dann stelle »Nord Stream 2« keine Gefahr dar. Über den Umfang eines solchen Resttransits durch die Ukraine sollen Ende dieses Monats russisch-ukrainische Verhandlungen beginnen. Kiew hat Russland Kapazitäten von 60 Milliarden Kubikmeter jährlich angeboten, Russland sendet widersprüchliche Signale: Mal drohen Politiker mit der völligen Einstellung des Transits wegen des schlechten Zustands der ukrainischen Leitungen, mal wird erklärt, angesichts des steigenden Gasbedarfs in Zentral- und Westeuropa bleibe auch für die Ukraine noch etwas vom Kuchen übrig.

Unterdessen warb die russische Gaswirtschaft am Donnerstag auf einer Veranstaltung in Berlin nochmals für Erdgas als Übergangslösung bis zum Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Russische Regierungsvertreter erinnerten daran, dass ihr Land seit nunmehr 45 Jahren zuverlässig und unterbrechungsfrei Gas nach Europa geliefert habe. Auf der »Internationalen Konferenz zu Perspektiven der Energiekooperation Russlands und der EU im Gasbereich« wurden Prognosen abgegeben, wonach die Liefermenge russischen Gases langfristig auf 200 Milliarden Kubikmetern jährlich steigen könne. Das wäre knapp doppelt soviel, wie beide Röhren von Nord Stream bei voller Auslastung transportieren könnten (110 Milliarden); die im Bau befindliche zweite Röhre von »Turkish Stream« könnte jährlich 30 Milliarden Kubikmeter nach Südosteuropa liefern, so dass rechnerisch eben jene 60 Milliarden übrigblieben, auf die sich die Ukraine in ihrem Verhandlungsszenario einstellt. Die zur Schau getragene russische Zuversicht über die eigenen Liefermöglichkeiten stützte sich vor allem auf die Annahme, dass die Eigenförderung von Gas innerhalb der EU schneller zurückgehen werde als bisher angenommen. Die Vorkommen in den Niederlanden seien weitgehend erschöpft, und auch Norwegen drossele seine Förderung. So würden 2040 von einem geschätzten Gesamtbedarf an Gas in der EU in Höhe von 400 Milliarden Kubikmetern 77 Prozent importiert werden müssen, erklärte ein Gasprom-Vertreter. Wenn Russland 200 Milliarden davon liefere, bliebe noch genug Platz für Konkurrenten frei. Was er nicht so explizit dazu sagte: Auf Grundlage seiner Zahlen – gut 300 Milliarden Kubikmeter Importbedarf, davon 200 Milliarden aus Russland – würde der russische Marktanteil von jetzt 36 auf 66 Prozent steigen.

Auf der Berliner Konferenz kritisierte Klaus Ernst, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, die Politisierung der Frage der Gaslieferungen durch die USA. Er halte es für unerträglich, wie der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, sich aufführe. Deutschland sei keine Kolonie der USA. Auch die antirussischen Sanktionen lägen im Interesse der USA und nicht »Europas«. Sie sollten daher beendet werden, forderte Ernst. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich sprach über die Bedeutsamkeit, die beim Kohleausstieg wegfallenden Energiemengen kurzfristig aus anderen Quellen zu decken. Er wies im übrigen darauf hin, dass bei der Förderung des Frackinggases, das die USA nach Europa exportieren wollen, 30 Prozent mehr des klimaschädlichen CO2 anfalle als bei der Produktion von normalem Erdgas. Wirtschaftsvertreter verwiesen unterdessen auf den Preisvorteil des russischen Gases gegenüber dem amerikanischen. Auch das dürfe bei der Bilanz nicht vergessen werden.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Werner Schreiber, Finsterwalde: Ziel verfehlt Die Aktivisten, die bei Wrangelsburg in die Gasröhre gekrochen waren, hatten sicherlich ein gutes Ziel. Sie möchten sich wahrscheinlich für alternative Energien statt Erdgas einsetzen. Aber soweit ist...

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