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Aus: Ausgabe vom 17.05.2019, Seite 7 / Ausland
CHP in Schwierigkeiten

Giftgas aus Deutschland

Archivfund beweist: Türkei kaufte in den 30er Jahren Chemiewaffen von den Nazis. Gegen Kurden eingesetzt. Zeitpunkt der Enthüllung auffällig
Von Nick Brauns
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Türkische Soldaten posieren 1938 neben Einwohnern aus Dersim

Lange schon gab es das Gerücht, dass das Giftgas, mit dem die türkische Armee in den 1930er Jahren in der Bergregion Dersim (in der heutigen türkischen Provinz Tunceli) gegen alevitische Kurden vorging, aus Deutschland stammte. Den Einsatz der chemischen Waffen hatte bereits der nach Ausbruch des Dersimer Aufstandes 1937 nach Syrien geflohene alevitisch-kurdische Aktivist Nuri Dersimi beschrieben. Doch Belege fehlten bislang. Dokumente aus dem türkischen Staatsarchiv belegen nun, dass sich der damalige Präsident Mustafa Kemal Atatürk chemische Waffen von den Nazis liefern ließ. Darüber berichteten am vergangenen Wochenende zuerst die Journalisten Hüsnü Gürbey und Mahsuni Gül in der Dersim Gazetesi.

Auffällig ist, dass die Dokumente aus dem nicht der Allgemeinheit zugänglichen Archivbestand gerade zum jetzigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangten. Denn bei der Wiederholung der auf Druck von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan annullierten Oberbürgermeisterwahl in Istanbul ist der Kandidat der kemalistischen CHP, Ekrem Imamoglu, auf die Stimmen von Millionen kurdischen und alevitischen Wählern angewiesen. Mit Ausnahme einzelner selbst kurdischstämmiger Politiker in ihren Reihen weigert sich die dem Atatürkschen Erbe verpflichtete CHP bislang jedoch, sich zu ihrer Verantwortung für die unter ihrer Alleinregierung in den 30er Jahren begangenen Massaker zu bekennen.

Die nun veröffentlichten Dokumente zeigen, dass Atatürk am 7. August 1937 ein geheimes Dekret zur Bestellung von 20 Tonnen chemischer Kampfstoffe und einer automatischen Abfüllanlage im Wert von 150.000 Lira unterzeichnet hat. Bei den über die türkische Botschaft in Berlin eingekauften Kampfstoffen handelte es sich um Senfgas und Chloracetophenon. Schon länger bekannte Dokumente des türkischen Gesundheitsministeriums belegen zudem, dass deutsche Chemiewaffenspezialisten die türkische Armee schulten.

Auch die Flugzeuge, die zum Abwurf der Gasbomben eingesetzt wurden, kamen zum Teil aus Deutschland. So orderte Ankara 24 zweimotorige Bomber vom Typ »He 111 J«. Die in den Heinkel-Werken Oranienburg (HWO) gefertigten Flugzeuge wurden ab Oktober 1937 über Bulgarien nach Istanbul geliefert.

Die Bestellung der chemischen Kampfstoffe erfolgte, nachdem die türkische Regierung in einem Geheimbeschluss eine »Endlösung« für die Bergprovinz Dersim beschlossen hatte. Deren kurdisch-alevitische Bewohner widersetzten sich der von Ankara angeordneten Türkisierung und bestanden auf althergebrachten Autonomierechten. Die Armee solle alle, »die Waffen benutzt haben oder benutzen, ein für allemal an Ort und Stelle unschädlich machen, vollständig ihre Dörfer zerstören und ihre Familien entfernen«, heißt es im Beschluss des Ministerrates vom Mai 1937. Tausende Frauen und Kinder der Aufständischen, die sich in Höhlen geflüchtet hatten, wurden darin eingemauert oder mit Feuer und Reizgas erstickt. Die Dersimer bezeichnen die Massaker, denen bis zu 70.000 Menschen zum Opfer fielen, als »Tertele« – der Tag, an dem die Welt unterging.

Erst im April hatte die Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke zu den Dersim-Massakern erklärt, sie erkenne »das Leid der Opfer und ihrer Nachfahren an. Der Prozess einer historischen und politischen Aufarbeitung muss jedoch in erster Linie innerhalb der Türkei erfolgen«. Auf diesen bequemen Standpunkt könne sich die Bundesregierung nach Veröffentlichung der neuen Dokumente nicht mehr zurückziehen, so Jelpke. »Wir haben es vielmehr mit einer mörderischen Kontinuität beim Einsatz deutschen Giftgases gegen Kurden zu tun, von Dersim 1937/38 bis zum irakischen Chemiewaffenangriff auf Halabscha im Jahr 1988.«

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