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Aus: Ausgabe vom 15.05.2019, Seite 16 / Sport
Sexualisierte Gewalt

Ein Problem im System

Sexualisierte Gewalt im Sport gegen Kinder wurde lange ignoriert. Aufarbeitungskommission ruft Betroffene dazu auf, über Erfahrungen zu berichten
Von Oliver Rast
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»Wir müssen von einer großen Dimension ausgehen.« Kindesmissbrauch gibt es auch im Breitensport

Körperlicher und seelischer Schmerz, begonnene und abgebrochene Therapien und immer wieder Alpträume und Panikattacken. Begleiterscheinungen, die Biographien von Missbrauchsopfern prägen – auch im Sport. Die Befunde über sexualisierte Gewalt im Umfeld des Sports alarmieren: Mehr als ein Drittel der Athletinnen und Athleten ist betroffen. Das ergab die »Safe Sport«-Studie der Uniklinik Ulm und der Sporthochschule Köln für den organisierten Leistungssport im November 2016. An vergleichbaren Forschungsprojekten für den Freizeit- und Breitensport mangelt es bislang.

Am Montag voriger Woche startete die »Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs« den Aufruf »Ihre Geschichte kann etwas ändern«. Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend beim Sport sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, können die Kommission kontaktieren, um von ihren Erfahrungen in vertraulichen Anhörungen oder schriftlichen Berichten zu erzählen. »Die Kommission möchte weitere wichtige Erkenntnisse gewinnen, damit Kinder und Jugendliche in Zukunft besser geschützt werden können«, heißt es in der Pressemitteilung vom 6. Mai.

Trainingslager und Wettkämpfe, Körperkontakte bei Hilfestellungen oder Verletzungen – im Sport bieten sich vielfältige Gelegenheiten für sexualisierte Übergriffe. Meldungen von Kindesmissbrauch in diversen Sportarten aus den vergangenen Jahren ließen vermuten, dass »wir von einer großen Dimension ausgehen müssen«, befürchtet die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen im jW-Gespräch. Parallelen zur Situation in den Kirchen drängten sich auf. Im Breitensport sind vor allem Ehrenamtliche tätig. Unter Generalverdacht will Andresen das Ehrenamt nicht stellen. Ein Einfallstor für Täter und Täterinnen ist es aber wohl. Freiwillige Helfer und Helferinnen bekommen so leichter Zugang zu Kindern und Jugendlichen als in anderen sozialen Bereichen.

Schuldgefühle und Scham der Betroffenen, die Angst, dass niemand einem glaubt, und die Angst, dann mit dem Sport aufhören zu müssen, hindern Opfer, gegen Täter vorzugehen. Ein Problem im System. Die Sportwissenschaftlerin Meike Schröer sagte am 5. Mai dem Deutschlandfunk: »Wir im Sport sind die, die das lösen müssen.« Dafür brauche der Sport unabhängige Hilfe von außen und Menschen in den Verbänden, die Verantwortung übernähmen. Leitfäden, Orientierungshilfen und Ergebnisberichte – alles das hat der Dachverband, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), erarbeitet, schildert Ulrike Spitz, Ressortleiterin Medien und Öffentlichkeitsarbeit des DOSB, gegenüber jW. »Uns ist am wichtigsten, in einem dauerhaften Prozess eine Kultur des Hinsehens zu etablieren.«

Und die Sportpolitik? Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sagt auf jW-Anfrage: »Die Politik ist gefordert, den Sport bei Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt zu unterstützen.« Gerade im Breitensport sei eine Studie wichtig, um Handlungsempfehlungen ausarbeiten zu können. Lazar fordert zudem: »Vor Ort müssen Länder und Kommunen den Ausbau von Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt forcieren und deren Finanzierung sicherstellen.« »Prävention im Sport ist sehr wichtig«, meint auch Andresen. Das reiche aber nicht. »Wir wollen durch Aufarbeitung herausfinden, welche Strukturen in der Vergangenheit dazu geführt haben, dass Missbrauch ermöglicht oder begünstigt wurde.« Und wie bisher in Sportinstitutionen und Vereinen damit umgegangen wurde.

Fakt ist für Andresen: Sexueller Kindesmissbrauch im Sport ist noch besonders stark tabuisiert. Umso mehr hofft sie, dass Betroffene Vertrauen in die Arbeit der Kommission fassen. »Und den Mut aufbringen, sich bei uns zu melden.«

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