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Aus: Ausgabe vom 15.05.2019, Seite 10 / Feuilleton

Bohm, Uhlen

Von Jegor Jublimov
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»Gelegentlich auch Anspruchsvolles«: Gisela Uhlen als Mutter der Titelfigur im Fassbinder-Film »Die Ehe der Maria Braun«

Im Jahr 1990 konnten einem DDR-Bürger auch Künstler begegnen, die er nur aus dem Fernsehen kannte; mir lief als erster Hark Bohm über den Weg. Ich reichte ihm mein Autogrammbüchlein und bat um einen Eintrag. Er fragte nach meinem Namen, kritzelte etwas und ging weiter. Ich las: »O, Jegor Jublimov, was haben Sie nur für ein Hobby!« Der Hamburger Schauspieler, Regisseur und Autor machte nicht viel her von seiner Person, seine Arbeit war ihm wichtig. Mit 20 hatte er ein Jurastudium begonnen, mit 30 brach er sein Referendiat ab und ging zum Film. Er wurde Mitbegründer des Filmverlags der Autoren und des Hamburger Filmbüros, drehte vielfach preisgekrönte Filme wie »Tschetan, der Indianerjunge« (1973), »Nordsee ist Mordsee« (1976) und »Der kleine Staatsanwalt« (1987) zum Thema Wirtschaftskriminalität. Daneben trat er immer wieder als Schauspieler in markanten Nebenrollen vor die Kamera, oft für Rainer Werner Fassbinder. Bei der DEFA spielte er in »Treffen in Travers« (1988). In diesem Jahr war Bohm in Fatih Akins »Der goldene Handschuh« zu sehen; man fragte sich, wie er die Verfilmung wohl inszeniert hätte – sicherlich feiner, psychologischer. Aber den Strapazen der Regiearbeit setzt sich der ab Sonnabend 80jährige nicht mehr aus.

Zu den BRD-Bürgern, die in die DDR flüchteten, zählte die prominente Schauspielerin Gisela Uhlen. 1954 kam sie mit ihrem damaligen Mann Wolfgang Kieling in den Arbeiterstaat. Die gebürtige Leipzigerin führte ein unstetes Leben, war sechsmal verheiratet und zog bis ins hohe Alter (sie starb 2007) unzählige Male um. Begonnen hatte ihre Laufbahn 1936 bei der UFA. Ihre künstlerische Heimat fand Uhlen bald am Berliner Schillertheater bei Heinrich George, mit dem sie auch in Filmen auftrat. Sie spielte in der »Rembrandt«-Biographie 1942 neben Ewald Balser und 1944/45 in der Fontane-Adaption »Der stumme Gast«, wirkte aber auch in Nazipropagandafilmen mit. Hintergrund ihrer Flucht in die DDR war ein Sorgerechtsstreit mit ihrem dritten Mann um ihre Tochter Barbara. Uhlen spielte am Deutschen Theater und in DEFA-Filmen, moderierte im DDR-Fernsehen eine Frauensendung. 1958 kehrte sie in den Westen zurück, wo sie in Unterhaltungsfilmen (viele Edgar-Wallace-Streifen) und TV-Serien auftrat und gelegentlich auch Anspruchsvolles spielte. Für ihre Rolle in Fassbinders »Die Ehe der Maria Braun« wurde Uhlen 1979 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet.

Das Berliner Bundesplatz-Kino beginnt am Sonntag anlässlich ihres heutigen 100. Geburtstags eine Retrospektive mit Uhlen-Filmen, in der auch die DEFA-Adaption einer Leonhard-Frank-Erzählung, »Der Prozeß wird vertagt« (1958), läuft, in der der Bundesverfassungsschutz für den Schutz von Nazitätern angeprangert wird.

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