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Aus: Ausgabe vom 15.05.2019, Seite 6 / Ausland
Sudan

Massaker an Demonstranten

Unbekannte Angreifer attackieren Kundgebung in Sudans Hauptstadt Khartum
Von Gerrit Hoekman
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Demonstranten errichten am Montag in Khartum Barrikaden, um eine Brücke über den Blauen Nil zu sperren

Fünf erschossene Zivilisten, ein getöteter Offizier und eine unbekannte Zahl an Verletzten – das ist die Bilanz einer Attacke auf Demonstranten am Montag abend in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Wer für den Überfall verantwortlich ist, war am Dienstag morgen noch unklar. Die Angreifer sollen das Feuer auf die Protestierenden eröffnet haben, als diese Barrikaden auf zwei Hauptverkehrsachsen in der Nähe des Armeehauptquartiers errichteten. Hiba Morgan vom Fernsehsender Al-Dschasira berichtete am Dienstag unter Berufung auf Augenzeugen, dass die Aggressoren Uniformen der paramilitärischen »Rapid Support Forces« getragen hätten.

Noch in der Nacht verurteilte der Chef des Militärischen Übergangsrats, Abdel Fattah Al-Burhan, den Überfall. »Die Armee ist verpflichtet, die Protestierenden zu schützen, und wird die Täter verhaften und sie zur Verantwortung ziehen«, versprach er der Sudan Tribune zufolge. Der Sprecher des Militärrats, Schams Al-Din Kabbaschi, machte hingegen die Demonstranten für das Blutvergießen mitverantwortlich. Sie hätten mit ihrem Protest ein entsprechendes Klima geschaffen. »Antirevolutionäre Kräfte« wollten einen Keil zwischen die Armee und die »Rapid Support Forces« treiben.

Das Blutbad fand statt, während eine Abordnung der Opposition mit Militärführern über die Übergabe der Macht an eine zivile Regierung verhandelte. Die Gespräche sind laut Kabbaschi weit fortgeschritten, so die türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Montag. Es müssten nur noch einige Details geklärt werden. Dazu gehöre die Dauer der Übergangszeit bis zu den nächsten Wahlen, wie Kabbaschi am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Oppositionssprecher Taha Isaac erklärte. Ferner gebe es noch Dissens darüber, wie viele Militärs in den Gremien vertreten sein sollen.

Offenbar lenkt die Armee einen Monat nach dem Sturz des alten Machthabers Omar Al-Baschir in der wichtigen Frage ein, welche Befugnisse der Oberste Rat haben soll. Die Militärführung wollte sich in dem Gremium erhebliche Macht sichern. So sollte es die Regierung kontrollieren und gegebenenfalls auch entlassen können. Das lehnt die Opposition ab. »Der Rat hat symbolische Macht ohne exekutive und legislative Gewalt. Die Regierung wird vollständig zivil sein und mit allen exekutiven Rechten ausgestattet«, teilte Khalid Omer von der oppositionellen Sudanesischen Kongresspartei am Montag abend vor dem Armeehauptquartier mit. Das zivile Parlament besitze die absolute gesetzgebende Macht.

Unterdessen wurde der gestürzte Al-Baschir am Montag wegen »Anstiftung und Teilnahme« an der Ermordung zahlreicher Demonstranten während der vier Monate dauernden Proteste angeklagt. Einem Bericht der sudanesischen Zeitung Al-Dscharida vom vergangenen Samstag zufolge hat der Expräsident gestanden, Geld unterschlagen zu haben. Zudem soll er dem Staatsanwalt Personen genannt haben, die sich ebenfalls schuldig gemacht hätten.

Das sudanesische Außenministerium zeigte sich am Sonntag verärgert über die Solidaritätsbesuche europäischer und US-amerikanischer Diplomaten bei den Teilnehmern der Sitzblockade vor dem Verteidigungsministerium in Khartum. Die Besuche westlicher Diplomaten hätten ohne Absprache mit dem Außenministerium stattgefunden, sagte ein Mitarbeiter der Sudan Tribune.

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