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Aus: Ausgabe vom 15.05.2019, Seite 10 / Feuilleton
Nach dem Krieg

Wohin mit dem Hass?

Das Literaturfestival Polip in Pristina sucht nach Wegen zur Vergebung
Von Tom Mustroph
Sreten Ugricic&Veton Surroi.jpg
Literarische »Dealmaker«? Die Schriftsteller Sreten Ugrici (l.) und Veton Surroi (r.) im Gespräch auf dem Literaturfestival Polip

Pristina ist eine wilde Stadt. Glas- und Stahlpaläste der kapitalistischen Jetztzeit schieben sich neben den mittlerweile ramponierten Wohnblöcken aus der sozialistischen Ära in den Himmel. Sie übertreffen sie noch, weil offenbar der Platzbedarf der lokalen wie der internationalen Verwaltung unermesslich ist. Viele der neuen Wohnungen werden von Exilkosovaren gekauft, die dann für drei Wochen Urlaub in die alte Heimat zurückkehren und die Apartments, wenn sie sie nicht an Studenten vermieten, zwischenzeitlich einfach leerstehen lassen.

An den Randzonen der Stadt entfaltet sich eine lebhafte alternative Kulturszene. Eine alte Fabrik wurde zum Sozial- und Kunstzentrum »Termokiss« umgewandelt. Das einst von der jugoslawischen Armee betriebene Kino Armata wurde nach drei Jahrzehnten Dornröschenschlaf als Programmkino wiedereröffnete. Nachts drehen Pristinas Pioniere der elektronischen Musik an den Reglern. Man fühlt sich an die frühen 90er Jahre in Berlin erinnert, als noch alles möglich schien.

In einem der alten Wohnblöcke aus der Tito-Ära, unweit der in spätsozialistischem Stil gehaltenen, aber erst 2007 aufgestellten Statue für den US-Kriegspräsidenten William Clinton, hat sich die Avantgardetheatergruppe Qendra Multimedia eingerichtet. Sie ist auch Mitveranstalter des Literaturfestivals Polip. Am Wochenende ging seine neunte Ausgabe über die Bühne.

Etwa zwei Dutzend Autoren aus zehn Ländern waren eingeladen. Sie lasen Romanauszüge und Gedichte, Essays und Graphic Novels; die Veranstaltung gab erstmals auch den Rahmen für ein Comicfestival. Die Themen waren ebenso unterschiedlich. Azem Deliu, ein Erzählertalent aus dem Kosovo, das bereits von einigen Übermütigen als »neuer Dostojewski« gefeiert wird, wartete mit einer an Franz Kafka angelehnten Vater–Sohn–Geschichte auf. Die aus Südtirol stammende Autorin Tanja Raich vertiefte sich in die Schwierigkeiten einer ungewollten Schwangerschaft. Die kosovarische Dichterin Lindita Ahmeti trug ihr Poem über das Warten auf die im Krieg Vermissten vor. Und Sreten Ugricic, ehemaliger Leiter der Serbischen Nationalbibliothek in Belgrad, kam mit einem fulminanten Essay nach Pristina, in dem er die Möglichkeiten von Vergebung analysierte. Ob auf emotionaler oder politischer Ebene, auf ideologischer oder wirtschaftlicher – überall verhindere die Logik des jeweiligen Feldes das Verzeihen: »Das Gefühl erlaubt keine Vergebung, denn es fordert Vergeltung. Zerstörte Güter erlauben das nicht, sie rufen nach Entschädigung. Auf politischer Ebene funktioniert es nicht, weil jede Regierung Stärke beweisen muss.« Nur auf dem Feld der Moral gelinge sie, meinte Ugricic. Ein Täter, dem seine Tat zu Bewusstsein gekommen ist und der sich damit erst wieder einen moralischen Status verschafft, müsse über seine Tat derart erschrecken, dass er sich selbst nicht verzeihen könne. Das könne ihm nur ein Opfer, das dadurch die eigene moralische Integrität bewahre. Eine bemerkenswert dialektische Reflexion.

Auch das restliche Programm soll Auswege aufzeigen. »Bei den ersten Ausgaben unseres Festivals mussten wir noch die Polizei zu den Lesungen bitten, zum Schutz der serbischen Autoren. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Ich habe den Eindruck, dass auch die normalen Leute in Kosovo und Serbien gelernt haben, dass die Feinde nicht ›die‹ Serben oder ›die‹ Albaner sind. Die Hauptfeinde sind die Politiker, die korrupten politischen Eliten in Kosovo und Serbien«, so Jeton Neziraj gegenüber jW. Er ist selbst Schriftsteller und Dramatiker und neben dem serbischen Autor Sasa Ilic und der kroatischen Literaturwissenschaftlerin Alida Bremer Organisator des Festivals. Der aktuellen Ausgabe gaben sie den Titel »Literary Deal« – »literarisches Abkommen«. Und haben große Ziele: Das Trio vergleicht seine Anstrengungen mit den Aktivitäten französischer Intellektueller und der westdeutschen Gruppe 47, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Aussöhnung suchten.

»Ich denke, dass wir den Weg für den politischen Dialog öffnen. Ich sage nicht, dass wir das tun, um den Politikern zu helfen. Wir machen es zum Wohle der Literatur, der Kommunikation, des Austauschs von Ideen, und um zu sehen, was in unserer Nachbarschaft, in Serbien, geschrieben wird, und umgekehrt«, erklärte Neziraj. Wie erfolgreich sie damit sein werden, will er nicht prognostizieren. Rückblickend konstatierte er als Effekt der vergangenen Festivals, dass »der Hass aufeinander, die Energie des Hasses, die es in beiden Gesellschaften gab, absorbiert wurde«. Eine große Leistung, erreicht durch Schreiben, Lesen und Zuhören.

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