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Aus: Ausgabe vom 11.05.2019, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Volkswagen in der Kritik

»Management sabotierte kollektiv den Klimaschutz«

Zeit für Verkehrswende: Vor VW-Jahreshauptversammlung wird Vergesellschaftung gefordert. Ein Gespräch mit Niklas Hoves
Interview: Markus Bernhardt
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Sieht nur in passendem Licht nach grüner Technologie aus: Präsentation eines VW-Elektroautos (8.5.2019)

Am Dienstag findet die Hauptversammlung von Volkswagen in Berlin statt. Gemeinsam mit Gruppen, die für Klimagerechtigkeit eintreten, sowie Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern rufen Sie zu Protesten auf. Was werfen Sie dem Konzern vor?

Weder für die Manipulation von Dieselmotoren noch für menschenunwürdige Arbeitsbedingungen im Ausland oder die Unterstützung der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985, jW) hat Volkswagen Verantwortung übernommen. Statt Entschädigungen zu zahlen und eine ernsthafte Verkehrswende zu ermöglichen, kuschelt der Konzern heute weiter mit brasilianischen Faschisten und stellt seine Produktion hierzulande auf Elektroautos um, die eine genauso schlechte Klimabilanz haben wie die mit Dieselantrieb. Kurzum: Die Funktionäre und Anleger beziehen ihren Profit weiter auf Kosten von Arbeiterinnen und Arbeitern, der Kunden und der Umwelt.

Liegt diese Ausbeutung nicht in der Natur eines kapitalistischen Großkonzerns?

Leider ja. Wir fordern daher die Enteignung des Automobilriesen und seine Umrüstung auf eine nachhaltige Produktion unter demokratischer Kontrolle. In Wolfsburg sollte nur noch für Bus und Bahn gearbeitet werden. Für eine solche Verkehrswende genügen die Privatvermögen der Porsches und Piëchs allemal. Mitten in der Debatte um die Enteignung von Immobilienunternehmen und zwei Wochen nach der Nichtentlastung von Bayer-Vorstandschef Werner Baumann – er ist der erste Chef eines Dax-Konzerns, den dies betraf – müssen wir wieder für die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien eintreten. Mit dem Dieselverbrechen sabotierte das Management von Volkswagen kollektiv den Klimaschutz. Das muss jetzt zum Anlass genommen werden, um mit diesem Konzern anzufangen.

Mit welchen Konsequenzen aus dem Dieselskandal rechnen Sie?

Wenn es nach dem Vorstand geht, werden die Strafverfahren auf eine kleine Gruppe von Bauernopfern um Exkonzernchef Martin Winterkorn und Manager Rupert Stadler abgewälzt. Die übrigen Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder tun mal wieder so, als ob sie von nichts gewusst hätten.

Als deutscher »Champion« genießt Volkswagen die Rückendeckung der Politik. Aus dem Ausland werden jedoch weitere schmerzhafte Dieselfahrzeuge betreffende Forderungen folgen. Deshalb orientiert Vorstandvorsitzender Herbert Diess auf den Verkauf von Elektroautos auf dem chinesischen Markt. Großaktionär Wolfgang Porsche hat mit der Elektrooffensive auch gleich den perfekten Vorwand gefunden, um einen rigorosen Stellenabbau anzukündigen. Die Bereicherung auf Kosten der Angestellten könnte sich also noch verschärfen, wenn Volkswagen nicht gestoppt wird.

Auf der Protestkundgebung soll auch der internationale »Black Planet Award« übergeben werden. Mit diesem Schmähpreis hatte Ihre Stiftung den Konzern im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Wie soll die Übergabe ablaufen?

Zunächst werden wir mit Klimagerechtigkeitsgruppen aus aller Welt vor der Berliner Messe demonstrieren und die Versammlung belagern. Gemeinsam mit dem mexikanischen Gewerkschafter und Volkswagen-Kenner Huberto Juárez Núñez werden wir dann auf der Hauptversammlung unsere Forderungen stellen und die Herren, die sich unseren Schmähpreis verdienten, direkt damit konfrontieren. Wir haben außerdem Gegenanträge zum geplanten Programm des Vorstands gestellt.

Worum geht es da genau?

Zum Beispiel um die Nichtentlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, die Kürzung der Dividenden auf wenige Cent, die Entschädigung der Opfer und betrogenen Kundinnen und Kunden und die Umrüstung des Konzerns.

Gehen Sie davon aus, überhaupt in die Halle gelassen zu werden?

Uns haben bereits einige Kleinanlegerinnen und -anleger ihre Stimmrechte übertragen, damit steht es uns zu, vor der versammelten Bande zu sprechen. Natürlich könnten wir dennoch abgewiesen werden – was bedeuten schon Gesetze für Volkswagen? Dann landet unser Schmähpreis eben bei Herrn Porsche im Vorgarten.

Niklas Hoves ist Geschäftsführer von »Ethecon – Stiftung Ethik und Ökonomie«

Protestkundgebung am Dienstag, 9 Uhr, Citycube Berlin, Messedamm 26

ethecon.org

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