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Aus: Ausgabe vom 11.05.2019, Seite 1 / Titel
Monopole

Fusionsfieber gesenkt

Zusammenschluss der Stahlsparte von Thyssen-Krupp und Tata geplatzt. 4.000 Beschäftigte in Deutschland müssen gehen
Von Simon Zeise
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Für die Profite der Aktionäre bleiben die Beschäftigten im Regen stehen

Paukenschlag in Duisburg: Das Industriekonglomerat Thyssen-Krupp bläst die lang geplante Fusion mit Tata Steel und die Zergliederung des Konzerns in zwei Sparten ab. Rund 6.000 Mitarbeiter müssten den Konzern verlassen, teilte Vorstandschef Guido Kerkhoff am Freitag mit – 4.000 davon in Deutschland.

Betriebsbedingte Kündigungen könnten bei einem Abbauprogramm dieser Größenordnung nicht ausgeschlossen werden, ergänzte Personalvorstand Oliver Burkhard. In der Gesamtzahl seien 2.000 Stellen enthalten, die auch bei der Stahlfusion mit Tata gestrichen werden sollten.

Die geplatzte Fusion ist zugleich die nächste Klatsche für Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der in seiner »Nationalen Industriestrategie 2030« ausgegeben hatte, Unternehmen zu »europäischen Champions« aufbauen zu wollen. Altmaier hatte Thyssen-Krupp explizit als einen der deutschen Konzerne benannt, die es im Wettstreit mit den USA und China aufnehmen sollten.

Grund für den Stopp der Fusion sind Auflagen der EU-Kommission, die die beiden Konzerne nicht erfüllen wollen, weil sie dadurch ihr Einsparungspotential in Höhe von 500 Millionen Euro pro Jahr gefährdet sehen. Durch die Fusion mit Tata hätte es für die 27.000 Beschäftigten »eine Zukunftsperspektive gegeben«, so Kerkhoff. Die IG Metall hatte eine Beschäftigungsgarantie bis zum 30. September 2026 sowie eine langfristige Standortsicherung erreicht. Dieser Tarifvertrag werde jetzt nicht in Kraft treten, sagte Burkhard. Durch den Zusammenschluss wäre Europas zweitgrößter Stahlkonzern mit rund 48.000 Mitarbeitern und mit Werken in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden entstanden.

Kerkhoff hat deshalb auch die geplante Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige, börsennotierte Unternehmen für Werkstoffe und für Industriegüter abgesagt. »Der Konzern bleibt als Ganzes erhalten«, sagte er. Um neues Geld in die Kasse zu bekommen, will Kerkhoff jetzt die profi­table Aufzugssparte des Konzerns an die Börse bringen. Das hatten Investoren immer wieder gefordert.

Die Beschäftigten nahmen es gelassen. Dieter Lieske, 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Duisburg-Dinslaken, sagte am Freitag gegenüber jW, zwar habe es noch kein offizielles Kommuniqué des Vorstands gegeben, doch sei die Entscheidung abzusehen gewesen. Die Gewerkschaft hoffe, dass die Geschäftsführung »kein brutales Restrukturierungskonzept« verfolgen werde, sagte Lieske. Seit Jahren werde Personal abgebaut. Man könne froh sein, wenn überhaupt noch jemand zur Arbeit komme.

Schuld für die Misere seien auch »aktivistische Investoren« wie der schwedische Fonds Cevian oder die deutsche Union Investment, die den »Konzern in einen produktiven und unproduktiven Bereich zerschlagen« und sich dann die »Filetstücke sichern« wollten. Die Investoren seien »Treiber der Unruhe« und wollten »nur schnell mit ihrer Kohle ihre Marge machen«, so Lieske. Arbeitsplätze spielten in diesen Überlegungen »keine Rolle«. Auch der Rückzug des Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger im Juli 2018 habe die Situation verschärft. Dieser könne sich »im Gegensatz zum einfachen Kollegen vom Acker machen, wenn es nicht läuft«. In der Belegschaft herrsche das Gefühl vor: »Wir sind das westliche Ende des industriellen Schlachthofs.« Mit solchen Situationen umzugehen, seien die Kollegen gewohnt. »Doch wir sind auch in der Lage, Zähne zu zeigen.«