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Aus: Ausgabe vom 26.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Unbehaustsein

Der syrische Lyriker Aref Hamza dichtet von Flucht und Exil
Von Torben Klimmek
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»Dreimal bin ich geschlagen worden, dreimal gesteinigt, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe des Meeres, in Gefahr gewesen durch Flüsse, Gefahr in den Städten, Gefahr in der Wüste, Gefahr auf dem Meere.«

Anna Seghers, Transit

In leicht veränderter Form zitiert Anna Seghers in ihrem weltberühmten Exilroman aus dem Jahr 1942 die Worte aus dem nunmehr fast zweitausend Jahre alten zweiten Korintherbrief und fasst damit das Schicksal derjenigen in der Menschheitsgeschichte zusammen, die aus verschiedensten Gründen, aber meist gezwungenermaßen ihrer Heimat den Rücken kehren mussten und sich auf eine peinvolle und ungewisse Reise begaben. Die trockene Sozialwissenschaft lehrt uns: der »Homo migrans« als anthropologische Konstante des »Homo sapiens«. Aber die Kunst vermittelt uns erst die wahre Bedeutung des Begriffes der Flucht und des Exils, nämlich die Erfahrungen aus der Perspektive des Leidenden.

Einer von diesen Heimatlosen ist der syrische Lyriker und Exilant Aref Hamza, der in seinen Versen dem Schmerz, dem Verlust, der Fremde und Einsamkeit in bestechend lakonischen Versen Ausdruck verleiht und sich hierfür fast alltäglicher Bilder bedient, die in ihrer z. T. skurrilen Überzeichnung aber umso verstörender wirken.

So drückt das titelgebende Gedicht »Du bist nicht allein« seiner in diesem Jahr im Secession Verlag für Literatur erschienenen Gedichtsammlung ein Gefühl aus, das sich vermutlich so unmittelbar und ergreifend nur in der verdichteten Sprache der Poesie beschreiben lässt:

»Die Mutter ist tot

Die Frau und die Kinder.

Die Zimmerdecke liegt am Boden

Und wölbt sich da und dort

Über die Blumentöpfe, die überlebt haben

Und über die letzten Blicke.

Seit zwei Tagen lebst du nun schon

Mit einem Zahnschmerz.

Du bist also nicht mehr allein.«

Wenn der syrisch-kurdische Dichter Aref Hamza, der als eine der herausragenden Stimmen der arabischsprachigen Welt gilt, seine Gedichte bei einer seiner Lesungen vorträgt, wird einem nicht nur das Schicksal seiner Person und die ganze Tragödie seines Landes auf eindringliche Weise bewusst, sondern auch, dass es gerade die Kunstform der Poesie ist, die es trotz aller sprachlichen und kulturellen Unterschiede vermag, universell Emotionen hervorzurufen und dabei den Zorn auf ein Europa anzufachen, das es angesichts der Abschottungspolitik wie auch der grassierenden Fremdenfeindlichkeit an dem gebotenen Mitleid fehlen lässt.

Der sowohl in Form als auch Inhalt anmutende Existentialismus dieser Gedichte rüttelt den westlich geprägten Leser und Hörer in seiner konsumgesättigten und popredundanten »Komfortzone« wach und gibt eine vage Ahnung von der Existenz eines Menschen, der auf sich selbst geworfen und in einer unbehausten Welt nach einem Überleben für sich und die Seinen sucht. In diesem Zustand kann auch der durchdringende »Zahnschmerz« zu einem letzten Begleiter werden.

Aref Hamza wurde zurecht der Titel »Meister des Schmerzes« (so die libanesische Tageszeitung Al-Akhbar) verliehen, da er dem ganzen menschlichen Elend der Flucht und Vertreibung Bilder verleiht, die denen der alltäglichen Medienberichte gerade wegen ihrer intimen Einblicke in die verwundete Seele eines Geflüchteten immer überlegen sein werden. Der imaginative Prozess des Lesens schafft auch im digitalen Bildzeitalter durch die subjektive Umsetzung der Worte erst die nötige Voraussetzung nicht nur für die Empathie, sondern für das Mitleiden, das die eigentliche Voraussetzung für jede Form des Humanismus ist.

Eine Strophe aus dem Gedicht »Wie ein Tropf an ihrer Hand« spiegelt das Gefühl der Einsamkeit der für die deutsche Mehrheitsgesellschaft weitgehend Unsichtbaren:

»Ich sitze am Hauptplatz

von Buchholz

zwischen den Kriegsversehrten

und so wie sie beobachte ich das Leben

der anderen, und

wie sie warte ich auf den Sonnenuntergang

bis wir weggehen

ohne dass einer

unsere Einsamkeit entdeckt hätte.«

Ich würde mir wünschen, dass diese Lyrik Pflichtlektüre insbesondere für die Politiker, die sich hinter fadenscheinigen Quoten und »Grenzsicherungsagenturen« verstecken wird, sozusagen als menschliche Eignungsprüfung. Mein fester und vielleicht naiver Glaube ist, dass die Kraft der Kunst den machtpolitischen Ränkespielen und der inhumanen Bürokratie letztlich überlegen sein wird.

Der Literaturverlag Secession hat sich in diesen für Lyrik sicher nicht einfachen Zeiten hier einmal den Luxus erlaubt, einen in grünen Samt eingeschlagenen zweisprachigen Gedichtband in arabischer und deutscher Sprache zu veröffentlichen. Neben dem optischen Reiz der arabischen Schrift besticht vor allem die fabelhafte Übertragung ins Deutsche durch die Literaturübersetzerin Sandra Hetzl. Es wundert daher nicht, dass dieser Band bereits in die zweite Auflage gegangen ist, was für die Gattung Lyrik ein kleines Wunder darstellt.

Aref Hamza: Du bist nicht allein. ­Gedichte. Aus dem Arabischen übersetzt von Sandra Hetzl. Secession, Zürich 2018, 205 Seiten, 25 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ullrich Uhle: Erschütternd Vor kurzem stellten Sie Aref Hamzas Gedichtbuch »Du bist nicht allein« vor. Ich habe es gekauft. Es war aus den vielen gekauften, von ihnen empfohlenen Büchern das erste, was sein Geld Wert war. Danke...
  • alle Leserbriefe

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