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Aus: Ausgabe vom 26.04.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
»Coordination gegen Bayer-Gefahren«

»Das lässt die Kleinanleger nicht kalt«

Bayer lädt zur Hauptversammlung nach Bonn. Kritische Aktionäre planen Protest gegen Konzernpolitik. Ein Gespräch mit Marius Stelzmann
Interview: Markus Bernhardt
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Protest gegen Produktion von umweltschädlichen Pestiziden: Französische ATTAC-Aktivisten besprühen die Pariser Zentrale der Bayer AG (14.3.2019)

Am Freitag findet die Hauptversammlung von Bayer in Bonn statt. Verschiedene Organisationen, darunter die »Coordination gegen Bayer-Gefahren«, kurz CBG, rufen zu Protesten auf. Was kritisieren Sie, abgesehen von den Diskussionen um den Monsanto-Ankauf?

Dieses Jahr geht es bei unseren Protesten insbesondere um das Anliegen ehemaliger Heimkinder, an denen der Konzern Medikamentenversuche vorgenommen hat.

Was genau ist da passiert?

Bayer hat von den 1950er Jahren bis in die 1970er Jahre hinein in westdeutschen Kinderheimen und jugendpsychiatrischen Einrichtungen Menschenversuche verantwortet und vor allem Psychopharmaka an Kindern getestet. Ohne Information oder Einwilligung der Erziehungsberechtigten.

Bei unseren Protesten gegen den Konzern wird es neben der Monsanto-Übernahme und den Arznei-Erprobungen auch um den Ruin des Klimas durch dessen Kohlendioxidemissionen, die fatalen Folgen seiner Umweltgifte für Mensch, Tier und Natur sowie um Glyphosat, das Bienensterben und die Risiken und Nebenwirkungen seiner Verhütungsmittel und anderen Medikamente gehen.

Das Unternehmen schüttet in diesem Jahr insgesamt rund 2,6 Milliarden Euro an seine Aktionäre aus. Was haben Sie daran auszusetzen?

Bayer befindet sich in einer ernstzunehmenden Krise. Damit die Aktionärinnen und Aktionäre davon so wenig wie möglich mitbekommen, hat der Konzern die Dividendenzahlung auf hohem Niveau eingefroren. Für die Gewinnmaximierung sollen rund 12.000 Arbeitsplätze vernichtet werden. Die Grausamkeiten und Angriffe gegen die Belegschaften werden wir bei der Hauptversammlung zur Sprache bringen. Die »Coordination gegen Bayer-Gefahren« steht fest an der Seite der Kolleginnen und Kollegen. Sie sind es, die die schamlosen Gewinne erarbeiten. Bei der Hauptversammlung werden wir daher neben anderen Vorstößen die Aktionärinnen und Aktionäre mit einem Gegenantrag auffordern, den Vorstand nicht zu entlasten.

Verschiedene Organisationen aus der Umweltbewegung unterstützen Ihre Proteste. Erhalten Sie auch Unterstützung von Aktionärinnen und Aktionären?

Die CBG ist ein weltweites Netzwerk, in dem etwa 70.000 Organisationen und Personen zusammenarbeiten. Die Aktionen anlässlich der Hauptversammlung werden von einem breiten Bündnis von ATTAC bis zur Partei Die Linke getragen.

Zu jeder Bayer-Hauptversammlung kommen rund 3.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 99 Prozent davon sind Kleinaktionäre, also ganz normal arbeitende Menschen, allerdings zumeist aus dem Angestellten- und Intellektuellenmilieu. Wir hatten bei den Veranstaltungen schon Beteiligung von 20.000 und mehr Anteilseignern. Die hohen Zahlen hat der Konzern durch rigoroses Streichen von Vergünstigungen – wie der Übernahme der Reisekosten oder Geschenke – und durch ein drastisches Verschlechtern der Verpflegung auf in der Regel 5.000 bis 7.000 Teilnehmer absenken können. Bayer hatte in einer selbst durchgeführten Umfrage feststellen müssen, dass die Anleger vor allem wegen der Kritik unserer Coordination anreisten.

Inwiefern?

Die Kleinanlegerinnen und -anleger lässt es nicht kalt, dass »ihr« Konzern nicht nur hier und heute für Krieg, Umweltzerstörung und sozialen Ruin sorgt, sondern obendrein die Zukunft der Kinder und des ganzen Planeten gefährdet. Trotz aller konzertierten Aktionen mit Claqueuren, Vorzeigerednern und anderem gelingt es Bayer nicht, die Skeptiker und Kritiker auf seine Seite zu bringen. Diese sympathisieren weitgehend mit den CBG-Aktionären. Etwa 300 Kleinanleger haben uns bereits ihre Stimmrechte übertragen.

Allerdings sind dem Konzern die Mehrheiten immer sicher, da diese bei den wenigen Dutzend Großaktionären liegen. Der Vermögensverwalter Blackrock alleine besitzt bereits circa sieben Prozent aller Anteile. Trotz dieser geballten Geldmacht zeigt sich die Solidarität der Tausenden Kleinanlegerinnen und -anleger auf den Hauptversammlungen in ihrem Abstimmungsverhalten. Bis zu zehn Prozent und mehr von ihnen votieren für die Gegenanträge der CBG.

Der Sozialwissenschaftler Marius Stelzmann ist Geschäftsführer der »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG)

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