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Aus: Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein Führungstraum

Von Arnold Schölzel
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Was Napoleon in Moskau wollte, ist unklar. Was Hitler dorthin trieb, nicht: Kolonien, Sklaven und Völkermord. Was Angela Merkel bzw. die Armee des heutigen deutschen Imperialismus in Nord- und Westafrika soll, ist ungewiss. Berlin und seinen Leitmedien ist der Krieg in Mali unangenehm, über den von 2011 in Libyen, der die Ursache für diesen war, schweigen sie, erst recht vom neusten Konflikt. Öl? Migrantenabwehr? Frankreich retten, weil sein Kolonialreich zu kollabieren droht? Wahrscheinlich von allem etwas.

Eine Voraussetzung für Klarheit wäre, die Lage zu analysieren. Das vermeidet die deutsche Bürgerpresse. Die neokolonialen Kriege von NATO und EU ausführlich schildern – das verwirrt nur die Bevölkerung. Im EU-Ausland Schweiz sind solche Rücksichten unnötig. Am Sonnabend, dem 13. April, schreibt so z. B. die Neue Zürcher Zeitung (NZZ): »Europa macht in Libyen eine klägliche Figur. Italien und Frankreich ringen aus wirtschaftlichen Gründen um die Vormacht in dem erdölreichen Land«. Rom habe sich hinter die Regierung in Tripolis geklemmt, Paris hinter die Gegenregierung in Tobruk und den General Khalifa Haftar, der nun die Hauptstadt angreift. Der Rechtsausleger und italienische Innenminister Matteo Salvini tönte: »Wenn Frankreich Krieg spielt, werden wir nicht einfach dastehen und zusehen.« Der römische Schreihals wird zwar gegen seinen »Lieblingsfeind Emmanuel Macron« (NZZ) nicht so rasch Truppen in Gang setzen, stört aber die so nötige EU-Harmonie.

Dem Schweizer Realismus folgte einen Tag später mal wieder ein deutsches Märchen. Redakteur Frank Pergande erzählte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS): 2011 »taumelte« Libyen in einen Bürgerkrieg, der »erst beendet wurde, als Amerikaner, Franzosen und Briten militärisch eingriffen und die NATO konsequent ein Waffenembargo durchsetzte.« Bisher war bekannt, dass Frankreich, Großbritannien und USA mit Hilfe von Spezialkräften einen Aufstand organisiert und ihre dschihadistischen Fußtruppen mit Waffen und Geld ausgestattet hatten. Sie beendeten den Krieg nicht gemäß der UN-Resolution, als für die Bevölkerung keine Gefahr mehr bestand, sondern führten ihn sechs Monate weiter, um unter NATO-Aufsicht Muammar Al-Ghaddafi bestialisch ermorden zu lassen. Kommentar der in eine Fernsehkamera giggelnden US-Außenministerin Hillary Clinton: »Wir kamen, wir siegten, er starb.« Beim FAS-Redakteur findet sich davon nichts, dafür Launiges: »Nach dem Krieg zog sich die internationale Gemeinschaft zurück, ohne sich groß darum zu kümmern, was aus Libyen werden sollte.« Das ist fast völlig frei erfunden: Der Westen, der in deutschen Qualitätsmedien »internationale Gemeinschaft« heißt, setzte in Tripolis eine Marionettenregierung ein. Italiens und Frankreichs Energiekonzerne kümmerten sich darum, was aus dem libyschen Öl werden sollte. Pergandes Text gehört ins Erbauungsbrevier für die in der Sahara schmorenden deutschen Soldaten.

Auf die warten offenbar neue Aufgaben. Am Donnerstag titelte die FAZ: »Libyen-Gesandter der UN fordert von Deutschland Führungsrolle«. Die Zeitung veröffentlichte ein Interview mit dem libanesischen UN-Diplomaten Ghassan Salamé, in dem der äußerte, Deutschland als »führende Macht in Europa« sei »in einer guten Position, die Führung darin zu übernehmen, diejenigen zu stoppen, die helfen, den Konflikt weiter zu befeuern.« Laufe der Konflikt aus dem Ruder, könnten erneut Hunderttausende Migranten versuchen, nach Europa zu gelangen.

So deutet sich eine Antwort auf die Frage an, was die Bundeswehr in der Sahara soll: die Stellvertreter Italiens und Frankreichs beim Krach ums Öl auseinanderhalten und Migranten in die Wüste jagen. Deutschland wird Friedensstifter. Ein Führungstraum.

So deutet sich eine Antwort auf die Frage an, was die Bundeswehr in der Sahara soll: die Stellvertreter Italiens und Frankreichs beim Krach ums Öl auseinanderhalten und Migranten in die Wüste jagen. Deutschland wird Friedensstifter. Ein Führungstraum.

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