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Aus: Ausgabe vom 20.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Eine Art Unsterblichkeit

Heiterkeit als Entscheidung: Likarion Wainainas Film »Supa Modo«
Von Felix Bartels
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Unwirklich, aber mit Vorsatz: Vollendete Illusion mit kleinen Superhelden

Es ist ein Märchen. Also eigentlich ein Märchen in einem Märchen. Unwirklich, aber mit Vorsatz, so dass es schon wieder zum Realismus taugt. Dem Realismus eines Regisseurs, der begriffen hat, was Kunst ist. Und das meint hier zunächst die formale Seite, denn in »Supa Modo« sind die kraftvollen Farben zugleich natürlich, die Kamera weiß in ungezählten originellen Shots stets genau, was sie will, der Score schafft ebenso Stimmung, wie er den Verstand wachhält. Ästhetisch passt hier einfach alles.

Zum andern meint es, dass die Kunst selbst zum Thema wird. Ohne schwergewichtigen Art-House-Jargon, geradewegs durch die Handlung werden die Möglichkeiten der Fiktion fürs Gesellschaftliche ergründet, und es verblüfft, wie viele Ideen in den gerade mal 74 Minuten verstaut sind. Das Erzählte trägt sich irgendwo in Kenia zu, um eine Heldin herum, die Superhelden liebt. Sie heißt Jo, ist neun Jahre alt und hat noch zwei Monate zu leben. Ihre Mutter Kathryn – bezeichnenderweise die Hebamme im Dorf, also zuständig für die andere Seite des Lebens, die Geburt – begreift die Sterbebegleitung ihrer kranken Tochter vor allem als Behütung. Jos ältere Schwester Mwix sieht keinen Sinn darin, dass das Mädchen die verbleibenden Wochen im Bett verbringt, und überredet das Dorf, eine vollendete Illusion zu inszenieren, in der Jo tatsächlich Superkräfte besitzt. Sie kann nun z. B. auf einem Marktplatz die Zeit anhalten, indem alle dort Anwesenden auf ein Zeichen hin in Ruhe verharren. Durch die inszenierte Phantasie gestattet das Dorf ihr, über sich hinauszugehen. Da sie nicht fortleben kann, niemals Souveränität, Ermächtigung und Freiheit im Erwachsensein wird erfahren können, soll sie es hier und jetzt als Spiel erfahren. Und dieses Spiel ist reiner und schöner als jene stets durchwachsene Halbheit namens Leben.

Der in Mutter und Schwester angelegte Konflikt zwischen Fürsorge und Ermächtigung, dem Kind was Nützliches (Pflegen, Behüten) oder was Gutes (Spiel, Vergnügen) zu tun, die soziale und die liberale Lösung, wird dramatisch, also gerecht, als Kollision zweier Teilwahrheiten gefasst und findet seine Aufhebung erst in der Kunst: dem gemeinsamen Entschluss, einen Film zu drehen mit Jo in der Hauptrolle einer Superheldin.

Damit veranschaulicht sich die Spielfunktion der Kunst auf zwei Ebenen: als reales Rollenspiel und als gemeinsames Filmprojekt. Jo weiß in beiden Fällen um den Charakter der Fiktion. Sie lässt sich bewusst darauf ein. In genuin kindlicher Haltung – zu wissen, dass ein Spiel nicht echt ist, aber innerhalb des Spiels tatsächlich an seine Echtheit zu glauben. Im Ablauf ihrer letzten Tage geht damit eine Ermächtigung einher, die über den Tod hinausgeht. Der Übergang zur Produktion des Films hat nicht bloß den Vorteil, dass das Spiel an Gefährlichkeit verliert; er macht es im Medium gegenständlich. Durch den Film kann das sterbende Mädchen eine Art Unsterblichkeit erhalten. Erst indem sie nicht mehr in der Wirklichkeit gespielt, sondern als Kunst-Spiel verwirklicht ist, wird die Phantasie wirklich.

Die Höhe der Gedanken, die Leichtigkeit des Phantastischen, das Kindlich-Heitere, die kräftigen Farben und das Licht sind um so bemerkenswerter, je mehr man den kulturellen Hintergrund berücksichtigt, der, im Film nur dezent angedeutet, zumindest dem kenianischen Publikum stets bewusst bleibt. Jo ist ein Mädchen, das – in der Phantasie – übernatürliche Macht besitzt. Kenia ist ein afrikanischer Hotspot der Hexenverfolgung. Dieses ungebrochen virulente Ressentiment hat, neben der offensichtlichen misogynen Komponente, eine ähnliche Funktion wie im europäischen Raum Antisemitismus und Antiintellektualismus: Personen, denen man eine geheime Macht unterstellt, werden gefürchtet und deshalb verfolgt.

Vor diesem Hintergrund ist die Heiterkeit, die »Supa Modo« serviert, nicht Verdrängung, sondern eine Entscheidung. Das Phänomen der Hexenverfolgung wird nicht eindrücklich gezeigt oder kritisiert; vielmehr scheint die Aufhebung des Komplexes wie ein jovialer Gruß aus einer Epoche, in der solch traurige Dinge lange passé sind. Und dieser Entschluss, das Traurige heiter zu erzählen, via Vorschein die Hoffnung selbst in aussichtslosen Lagen zu finden, betrifft beide Ausdehnungen des Films: die Story um die Lebensfreude eines sterbenden Kindes und den Hintergrund der durch Armut und Unbildung begünstigten Verfolgung von Frauen. Entgegen der heute dominierenden Schwermut, jenem bald tatsächlichen, bald scheinbaren Realismus gegenwärtiger Filme, worin vergessen scheint, dass ein Kunstwerk nicht bloß abzubilden, sondern auch Entwürfe zu liefern hat, stellt »Supa Modo« die Frage, die bereits als Frage eine Antwort des klassischen Denkens auf die romantische Lage ist. Unterm Schatten des unvermeidlichen Todes als einzig interessante wurde sie von Peter Hacks in »Senecas Tod« vorgeprägt: »Wie kann man leben?«

»Supa Modo«, Regie: Likarion Wainaina, Kenia 2018, 74 Min.w, bereits angelaufen

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