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Aus: Ausgabe vom 15.04.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Tüten voller Pilsschaum

Die Leere, der Kommerz und der Dominik: Ein Fußballpokalspiel im vietnamesischen Da Nang
Von Maximilian Schäffer
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Irgendwo ins Industriegebiet gepflanzt: Hoa-Xuan-Stadion im Bau, 2016

Vor einigen Jahren konnte man das vietnamesische Da Nang noch als malerische Küstenstadt bezeichnen. Im Norden Wälder und eine mächtige Buddhastatue, im Süden Marmorberge – das touristische Potential wurde erschlossen. Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl der Hotelbetten um das Zehnfache auf etwa 40.000. Kilometerlange Sandstrände wurden mit Sternehotels zugepflastert, zwischen Stadtrand und Flughafen bekommen heute nur noch die Reichen das Ostchinesische Meer zu sehen. In Privatresorts zahlt man um die 500 Euro pro Nacht. Aus der Hafenstadt wurde ein glamouröses Instant-Las-Vegas (ohne Glücksspiel), während die Normalbevölkerung etwa von einer Krankenversicherung jenseits der Notaufnahme weiterhin nur träumen kann.

Auch im Sport schreitet die Kommerzialisierung voran. Der städtische Erstligaklub heißt seit 2008 nach einem großen Bankhaus »SHB Da Nang«. In der »V.League 1«, die aktuell nach einem Energydrink benannt ist, spielen 14 Teams, die aus Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt dominieren. Da Nang ist meist im Mittelfeld der Tabelle zu finden. Seit knapp drei Jahren kickt der Klub im neuen Hoa-Xuan-Stadion im Industriegebiet. Die Fans kommen mit Kleinkrafträdern, Touristen mit Taxis, weil sich auf Linienbusse keiner verlässt.

Mehr als 20.000 Fans fasst der Sporttempel. Es herrscht befremdlich wenig Trubel. Im Stadion gibt es weder Essen noch Trinken oder gar Fanartikel, nur vor dem Eingang verkaufen ein paar fahrende Händler Dosen und belegte Brote. Vielleicht ist es an diesem Sonntag, dem 31. März, besonders leer – es regnet, und das Pokalspiel gegen den FC Hai Phong hat keine große Bedeutung. 40.000 Dong kostet der Eintritt pro Person bei absolut freier Platzwahl, das entspricht etwa 1,50 Euro und ist auch für vietnamesische Arbeiter erschwinglich.

Der Konsum von Alkohol ist nicht verboten, aber das Trinken in der Öffentlichkeit gilt allgemein als Unding. Wer dennoch unbedingt im Stadion trinken will, bekommt für sein Bier eine Plastiktüte mit Strohhalm. Versoffene Europäer, die mit Plastiktüten voller Pilsschaum die Haupttribüne betreten, werden mit großen Augen bekichert.

Die auf einer Seite überdachten Sitzreihen sind vor Anpfiff gut gefüllt, im Rest des Stadions herrscht gähnende Leere. Die Gastmannschaft aus dem Norden konnte genau zwei treue Fans für die Kurve mobilisieren. Sie haben das Vereinslogo auf einem DIN-A4-Blatt ausgedruckt und hängen das an den Zaun. Die Gegentribüne beherbergt ein Ensemble von geschätzt 30 Da-Nang-Ultras, ausgestattet mit fünf Pauken und einer Bläsergruppe. Nach einem Vortrag des Vereinsvorsitzenden, dem Überreichen einiger Blumensträuße und der Nationalhymne geht es los. Die Trommler trommeln, die Bläser blasen unentwegt beim Ballbesitz ihres Teams. Der musikalische Unterhaltungsfaktor übertrifft den sportlichen um ein Vielfaches. Ein unentwegter Viervierteltakt, darunter langgezogene Grundtöne und darüber sämtliche Melodien der asiatischen und europäischen Lagerfeuerliteratur. Von »Ein Schiff wird kommen« bis zu »Jingle Bells« werden 90 Minuten lang ohne Gnade die besten Hits aller Zeiten getrötet und gepoltert.

Unten auf dem Rasen ein Bild des Grauens auf dem Niveau der Bayernliga Süd. Aus jener wurde der einzige deutsche Spieler auf dem Rasen transferiert. Dominik Schmitt kam vom SV Türkgücü-Ataspor München Anfang des Jahres nach Da Nang. Weil die Nachnamensvielfalt im Land der »Nguyen« (38,4 Prozent der Bevölkerung) gering ist, hat man sich dazu entschlossen, lediglich die Vornamen auf die Trikotrücken zu flocken. »Dominik« spielt mit »Ngoc Thang« und »Louis« in den Vereinsfarben Lila-Orange. Nach tausend verpassten Chancen und einem unsäglichen Eierlauf verliert Da Nang mit 0:1. Die Zuschauer schimpfen, das anwesende Militär, die Polizei und die Sicherheitsleute am VIP-Bereich passen auf, dass keiner zu sehr schimpft. Dann geht es nach Hause, wo man den Strand nicht mehr sieht, weil ein »Crowne Plaza« die Sicht nimmt.

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