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Aus: Ausgabe vom 26.03.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Strategiedebatte

Machtkampf im Verdi-Fachbereich Handel

Leiterin Nutzenberger muss sich Gegenkandidaten stellen. Hintergrund ist schwindende Tarifbindung
Von Karl Neumann
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Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesfachbereichsleiterin Handel, bei einer Kundgebung von Beschäftigten des Einzelhandels (Hamburg, 26.7.2013)

Wenn sich der Verdi-Bundesfachbereich Handel an diesem Dienstag und Mittwoch im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr zu seiner Konferenz trifft, gibt es viel zu besprechen. Der Fachbereich ist in der Krise, wie der ehemalige Sekretär der Verdi-Vorgängergewerkschaft HBV, Anton Kobel, in einem Beitrag für den Express deutlich macht: Trotz wachsender Beschäftigung sei die Zahl der Verdi-Mitglieder in der Handelsbranche seit 2001 um fast 40 Prozent eingebrochen – ein noch deutlicherer Rückgang als bei Verdi insgesamt. Zugleich schwindet die gewerkschaftliche Tarifmacht: Statt 70 Prozent wie im Jahr 2001 waren 2017 weniger als 40 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland an einen Tarifvertrag gebunden. Im Osten ist es nicht einmal mehr jeder dritte.

In Bad Neuenahr dürfte intensiv über Ursachen und Gegenstrategien gestritten werden – und über Personalfragen. Denn die bisherige Bundesfachbereichsleiterin Stefanie Nutzenberger muss sich mindestens einem Gegenkandidaten stellen: dem ehemaligen Leiter des Landesfachbereichs in Hamburg, Arno Peukes. In einer jW vorliegenden Stellungnahme zu Fragen aus dem Bezirk Südhessen übt dieser heftige Kritik. Dem Fachbereich fehle es »an einer Gesamtstrategie«, heißt es darin. In der Öffentlichkeit würden dessen Positionen kaum wahrgenommen. Und intern mangele es an Beteiligungskultur. »Beteiligungsorientierung meint hier zum einen, die Interessen der Beschäftigten in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen; zum anderen, sie gemeinsam mit den Beschäftigten durchzusetzen. Dies setzt eine offene und selbstkritische Bundesfachbereichsleitung voraus, die darüber hinaus das Ziel verfolgt, die Dialogfähigkeit unseres Fachbereichs (…) zu befördern. Und gerade hier liegt das größte Manko unserer bisherigen Arbeit«, attackiert Peukes die Amtsinhaberin.

Für eine radikale Erneuerung von links steht allerdings auch Peukes nicht. Die sogenannten Zukunftstarifverträge bei Karstadt – die den Beschäftigten empfindliche Gehaltseinbußen bescherten – verteidigt er ebenso wie den Versuch, im Handel eine neue Entgeltstruktur zu schaffen. Kobel hingegen kritisiert insbesondere die seit vielen Jahren diskutierte »Tarifreform« (jW berichtete), die »eine tiefe Spaltung in Verdi-Handel« hervorgerufen und enorme Kosten verursacht habe. Statt den Apparat und die Aktiven mit solch umstrittenen Tarifideen zu beschäftigen, solle der Fachbereich lieber den Mitgliederschwund angehen, fordert Kobel, zum Beispiel durch »Organizing«-Projekte.

Ob die Konferenz in Bad Neuenahr einem Antrag aus Hessen folgt und sich auf »eine politische Neu- und Umorientierung im Fachbereich« verständigt, wird sich erweisen. Geschieht dies nicht, steht nach Überzeugung von Kobel letztlich die Existenz auf dem Spiel: »Verdi verliert, wenn die negative Entwicklung der letzten 18 Jahre weitergeht, im Fachbereich Handel ihre Funktion als Gewerkschaft.«

Express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 2-3/2019, 20 Seiten, 3,50 Euro

http://kurzlink.de/Verdi_Krise_Handel

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